sos-klimawandel.info

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Interviews

E-Mail Drucken


Fleischlos glücklich (28.01.2011)
SZ: In Ihren Büchern geht es um die Frage, was wir überhaupt noch guten Gewissens essen können. Was ist denn ethisch nun besonders bedenklich?
Jonathan Safran Foer: Das kommt darauf an, was Ihnen wichtig ist. Wenn es die Umwelt ist, dann sollten Sie kein Rindfleisch mehr essen, weil die Rinderzucht den Klimawandel am meisten beschleunigt. Wenn Sie gegen Tierquälerei sind, sollten Sie Hühnchen, Pute und Eier von der Liste streichen – in den Geflügelbetrieben ist es am schlimmsten. Wenn Ihnen beides am Herzen liegt, lassen Sie das Schweinefleisch weg. Und wenn Sie Wert darauf legen, dass am Ende Ihres Lebens noch Fische im Meer schwimmen, dann hören Sie auf, sie zu essen.
SZ: Ist das nicht ziemlich pauschal?
Jonathan Safran Foer: Natürlich unterscheiden sich Mast- und Zuchtbetriebe enorm voneinander. Generell aber gilt: Je weniger Fleisch jemand konsumiert, desto größer ist die Chance, dass er einem Wertesystem folgt, das für das Wohlergehen dieser Erde entscheidend ist.
SZ: Viele Menschen werden trotzdem kaum dazu bereit sein, deshalb den Genuss von Fleisch aufzugeben.
Karen Duve: Diese Menschen frage ich: Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen würden, jetzt ist mir das zu viel, jetzt würde ich definitiv aufhören, Fleisch zu essen? Und wenn ja, welcher? Ist es vielleicht der Punkt, dass die industrielle Landwirtschaft massiv zum Klimawandel beiträgt, durch den schon heute ein Land nach dem anderen absäuft – zuletzt Australien? Oder wird es mir zu viel, nachdem ich die Bilder von Rindern auf Schlachthöfen gesehen habe, von denen manche ohne Betäubung am Haken hängen, und denen bei Bewusstsein die Beine abgeschnitten werden, während sie schreien und zappeln?

zeit
Björn Lomborg: "Ich habe nie verharmlost" (14.10.2010)
Herr Lomborg, lange galten Sie als Relativierer in Sachen globaler Erwärmung. Jetzt schreiben Sie in Ihrem neuen Buch: "Der Klimawandel ist eines der größten Probleme der Menschheit." Woher dieser Sinneswandel?
Björn Lomborg: Ich habe den Klimawandel nie verharmlost. Fakt ist: Die globale Erwärmung gibt es, sie ist vom Menschen verursacht, und wir müssen etwas dagegen tun. Aber so wie im Moment funktioniert es nicht.


Ess-Ethiker Foer: "Manchmal fühlt es sich schrecklich an, Vegetarier zu sein" (13.08.2010)
Jonathan Safran Foer: Ich möchte zu einer Debatte beitragen, in der es darum geht, wie wir es besser machen können. Und es gibt keinen guten Weg, um sechs Milliarden Menschen mit 50 Milliarden Tieren zu ernähren. Also müssen wir es lassen.

zeit
Earth Day: Der Flugausfall – eine 20-Millionen-Euro-Spende fürs Klima (22.04.2010)
In welche Projekte fließen die an Atmosfair gezahlten Gelder zurzeit?
Brockhagen: Nach wie vor stellen wir Familien in afrikanischen Ländern emissionsarme Kocher zur Verfügung. Diese sind nicht nur besser für das Klima, sondern auch für die Menschen, da sie weniger Rußpartikel abgeben. Neu dazugekommen ist ein Projekt, das Haushalte in Indien mit Biogas versorgt und ein anderes, das Dörfer mit Solarlampen ausstattet. 


"Das Tier ist ein Machtsymbol" (26.03.2010)
Essen wir zu viel Fleisch?
Henning Steinfeld: Ein Teil der Weltbevölkerung isst zu viel Fleisch. Das schafft Probleme – sowohl für die Gesundheit, als auch für die Umwelt und den Tierschutz. Gleichzeitig leiden knapp eine Milliarde Menschen an Hunger und Unterernährung. [...]
Man hört immer wieder, dass die Verdauungsgase der Rinder das eigentliche Umweltproblem sind.
Henning Steinfeld: Ja, auch. Bei der Tierzucht entstehen drei Klimagase: Kohlendioxyd, Methan und Stickoxyde. Der Großteil des Kohlendioxyds entsteht durch die Abholzung für Weiden und Ackerflächen. Dazu kommt der Einsatz von fossilen Brennstoffen für landwirtschaftliche Maschinen und die Herstellung von Stickstoffdünger. Methan, ein Gas das 23-mal so aggressiv ist wie Kohlendioxyd, wird bei einer ätherische Fermentation im Pansen, dem ersten Abschnitt des Rindermagens, freigesetzt und in die Atmosphäre gerülpst. Auch aus Gülleteichen tritt Methan aus. Stickoxyde sind 296 Mal so aggressiv wie Kohlendioxyd. Sie entstehen unter anderem durch die Düngemittelapplikationen bei Futterpflanzen. Zur Schädigung der Umwelt tragen alle drei Gase etwa in gleichem Maß bei. [...]
Welche anderen Möglichkeiten bleiben uns, um den Klimawandel zu stoppen?
Henning Steinfeld: Schon der Einsatz der besten derzeit bekannten Technologien würde massive Emissionseinsparungen bringen. Weiters muss man Umweltschutz an die Preispolitik knüpfen und so den Verbrauch reduzieren. In den USA werden pro Person jährlich 130 kg Fleisch verzehrt!
Und was tut die Politik dagegen?
Henning Steinfeld: Die Subventionen reduzieren zum Beispiel. Die Tierproduktion ist zu billig. Entwickelte Nationen geben über 350 Milliarden Dollar für Agrarsubventionen aus. In der EU fließt nach wie vor die Hälfte des gesamten Budgets in die Landwirtschaft. Das wirkt sich negativ auf die Effizienz der Produktion und damit auf die Umwelt aus. [...]
Was kann der Einzelne zur gerechteren Verteilung von Nahrung beitragen?
Henning Steinfeld: Wenn man nachhaltig produzieren will, muss man akzeptieren, dass die Preise steigen. Das hat einfach damit zu tun, dass wir zur Zeit 6,7 Milliarden Menschen sind und dass wir in den nächsten 30 Jahren auf über 9 Milliarden anwachsen werden. Alle Sektoren müssen lernen, weniger Ressourcen einzusetzen und deren Einsatz schonender zu gestalten. Das bedeutet Preissteigerungen. Ein Land wie Österreich gibt heute durchschnittlich 12 bis 15 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus. Doch Sie müssen davon ausgehen, dass dieser Prozentsatz steigen wird.
Heißt das, wir werden uns im Bezug auf Essen zu einer Zweiklassengesellschaft entwickeln?
Henning Steinfeld: Rindfleisch wird in 30 bis 40 Jahren ein Luxusprodukt sein, ähnlich wie Räucherlachs vor 20 Jahren, also nur mehr ein Produkt für Weihnachten oder Neujahr.


Klimawandel: Wie der Malediven-Präsident sein Land retten will (22.03.2010)
Sie haben gesagt, man kann keinen Handel mit Mutter Natur machen. Was meinen Sie damit?
Nasheed: Ich saß in Kopenhagen mit 25 Staats- und Regierungschefs am Tisch und habe versucht, eine Vereinbarung über den Ausstoß von Kohlendioxid zu erreichen. Aber das sind keine Abrüstungs- oder Wirtschaftsverhandlungen, man kann das Klima nicht diskutieren. Da sitzen 25 Führer und denken ernsthaft, sie könnten einen Handel mit der Natur machen, die physikalischen Gesetze diskutieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel war die Einzige, die an der Seite der 42 Inselstaaten dieser Erde stand. Unser Ziel ist es, die Erderwärmung um nicht mehr als 1,5 Grad ansteigen zu lassen. Das würde einen Anstieg des Meeresspiegels um 70 Zentimeter bedeuten, was uns zwar bedrohen, aber am Leben lassen würde. Nur Frau Merkel hat uns verstanden, nicht nur weil sie Physikerin ist, sondern weil sie die Kanzlerin eines umweltbewussten Deutschland ist. Sie kann ja nur über das reden, was sie zu Hause auch verkaufen kann. Es herrscht große Ignoranz in der Welt. Es ist das Zeitalter der Dummen. Wir bereiten den kollektiven Selbstmord vor. 


"Spielraum ist nicht mehr groß" (08.03.2010)
Herr Prof. Latif, kürzlich haben Sie zur Verwunderung mancher gesagt: „Derzeit macht die Klimaerwärmung eine Pause.“ Wie das?
Latif: Das ganze System ist chaotisch. Wenn wir von globaler Erwärmung sprechen, dann dürfen wir eben nicht nur auf Deutschland gucken, sondern müssen den Globus insgesamt nehmen. Wenn wir das tun, dann war beispielsweise der Januar 2010 der zweitwärmste Januar, seit wir überhaupt Aufzeichnungen haben, also seit 130 Jahren.
Klimamodelle basieren immer noch auf sehr wenig Daten und Messpunkten. Der Vorwurf von Kritikern lautet: Da wird schöngerechnet, da wird manipuliert, bis das Ergebnis mit dem übereinstimmt, was man sagen will. Ist da etwas dran?
Latif: Man muss schon sehen, dass bestimmte Dinge unsicher sind, aber es gibt dann auch wieder Dinge, die sind praktisch unumstößlich. Tatsache ist, es ist wärmer geworden, das haben wir ja alle erlebt. Wenn man sich mal angeguckt hat, wie die Winter früher gewesen sind, etwa vor 50 Jahren, da war so ein Winter, wie wir ihn jetzt erlebt haben, völlig normal – heute ist es die Ausnahme. Daran sieht man schon, dass es wärmer geworden ist, dass die Wahrscheinlichkeit für kalte Winter abgenommen hat.
Wenn wir uns in den Alpen umsehen: Die Gletscher haben sich massiv zurückgezogen. Vergleich Sie Fotografien, die vor 100 Jahren gemacht worden sind, und Fotografien von heute. Und die Meeresspiegel sind angestiegen, um knapp 20 Zentimeter. Das heißt, Sie brauchen gar keine Klimamodelle, um die Erwärmung zu dokumentieren. Und deswegen sind diese Skeptiker-Argumente auch gar nicht stichhaltig. 


«Wir bestanden den Stresstest» (18.02.2010)
Die Autorität und die Glaubwürdigkeit des IPCC trudeln weiter abwärts ...
Thomas Stocker: Nun, die Autorität des IPCC wird weder vom Vorsitzenden Rajendra Pachauri noch von anderen Führungsmitgliedern verkörpert. Meiner Meinung nach gründet sie in der Basis der weit über tausend Wissenschaftler, die zu diesem Bericht beigetragen haben, und unsern internen Prozeduren, die sicherstellen, dass die Resultate robust sind.
Andere Klimaforscher und IPCC-Mitglieder betrachten genau diese Strukturen und Prozesse als veraltet und schlagen vor, das IPCC grundsätzlich zu reformieren und Resultate schneller zugänglich zu machen ...
Thomas Stocker: Aufrufe, den IPCC zu reformieren, gab es schon früher. Bis zu einem gewissen Grad müssen wir akzeptieren, dass ein umfassender, mehrfach begutachteter Bericht, der die ganze Wissenschaftsgemeinde und im Schlussdokument sämtliche Regierungen einbindet, Zeit benötigt. Wer die Geduld hat, zu warten, wird dafür auch mit einem fundierten Bericht belohnt.
Und was ist mit allen andern, die jetzt Antworten auf die Vorwürfe erwarten?
Thomas Stocker: Es ist nicht immer optimal kommuniziert worden – und die Kommunikationswege sind bisher nicht klar geregelt. Wir sind damit auf dem falschen Fuss erwischt worden. Da liegt grosses Verbesserungspotenzial.


Der Klima-Lotse (08.02.2010)
Denken Sie, eine Klima-Partei mit radikalen Thesen zum Thema Klimawandel hätte Erfolg in Deutschland?
Schellnhuber: Eine radikale Lösung der anstehenden Probleme durch den Klimawandel wäre in diesem Land nur schwer durchsetzbar. Niemand kann eine Öko-Diktatur wollen. Dennoch stehen wir jetzt vor einer Situation, wo schnell und grundlegend gehandelt werden muss, damit es rein physikalisch noch gelingen kann, unter der kritischen Zwei-Grad-Linie zu bleiben, aber auch damit die Kosten für eine kohlenstoffarme Entwicklung im handhabbaren Rahmen bleiben. Viel wichtiger wäre es daher, dass die Bundesregierung sich dem Thema noch konsequenter widmet als bisher. Der Klimawandel muss allgemeiner thematisiert und zum Herzstück der künftigen Regierungspolitik werden.
Was meinen Sie genau damit?
Schellnhuber: Es ist eben fraglich, ob man in dem Wissen, dass man mit der Titanic auf einen Eisberg namens Klimawandel zusteuert, erst einmal langwierige Umfragekampagnen unter den Passagieren starten sollte. In so einer Situation müssen Lotsen direkt auf die Kommandobrücke gerufen werden, um den Kapitän zu beraten, selbst wenn auch sie nicht zu 100 Prozent wissen, wo genau der Eisberg liegt.
Sind Sie solch ein Lotse?
Schellnhuber: Natürlich gibt es Situationen, in denen der Wissenschaft eine Rolle ähnlich der eines Lotsen zukommt. Wir kennen eben mitunter das Gewässer, auf dem wir uns befinden, ein wenig besser als der normale Passagier und der Schiffsführer. Wenn wir auf etwas aufmerksam werden, das uns bedrohlich erscheint, dann ist es selbstverständlich unsere Pflicht, dies in geeigneter Form an die Kommandobrücke weiterzuleiten.
Ist die Förderung erneuerbarer Energien Ihrer Meinung nach der Schlüssel sowohl zur langfristigen Abdeckung unseres Energiebedarfs als auch zur Lösung unserer wirtschaftlichen Probleme?
Schellnhuber: Ein exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt ist einfach nicht möglich. Und ich denke, dass ein weltweites Wirtschaftswachstum langfristig nur möglich sein wird, wenn wir auf den Sektor der erneuerbaren Energien setzen und entsprechende industrielle Strukturen fördern, um unser Energieproblem zu lösen. Wie wollen wir weiter wachsen, wenn wir wissen, dass die fossilen Brennstoffe, auf denen unser Weltwirtschaftssystem derzeit noch beruht, zu Ende gehen?


Weltklimaberichts-Autor Rahmstorf: "Das ist ein peinlicher Fehler" (21.01.2010)
taz: Herr Rahmstorf, dem aktuellen Weltklimabericht zufolge drohen die Gletscher im Himalaja bis 2035 wegzuschmelzen. Diese Zahl ist offenkundig falsch. Das ist ein GAU für die Glaubwürdigkeit des Weltklimarates, oder?
Rahmstorf: Nur für den, der erwartet, dass so ein über 2.500 Seiten starker Bericht völlig fehlerfrei ist. Das ist kaum möglich, wenn hunderte Autoren Resultate aus tausenden von Studien zusammenstellen. Bemerkenswert ist eher, dass dies der erste Fehler ist, der gefunden wurde. Schließlich durchkämmen zahlreiche Klimaskeptiker diese Berichte nach Fehlern. [...]
taz: Aber die Klimaforscher warnen doch immer wieder vor den schmelzenden Gletschern und den daraus entstehenden Problemen für die Wasserversorgung.
Rahmstorf: Daran gibt es auch nichts zu rütteln. Im ersten Band des letzten IPCC-Reports wird zum Beispiel auf Basis einer genaueren Studie von elf repräsentativen Gletschern weltweit gefolgert, dass bis 2050 rund 60 Prozent der Gletschermasse verloren gehen werden.
taz: Das klingt aber ganz anders als ein Rückgang bei den Gletschern im Himalaja um 80 Prozent bis 2035.
Rahmstorf: Letzteres steht ja auch nicht im ersten Band des Berichtes, der sich mit der Physik des Klimasystems befasst und der von den eigentlichen Klimaexperten geschrieben wird, zum Beispiel auch von führenden Gletscherforschern. Die falsche Zahl steht im zweiten Band, in dem Gesellschaftswissenschaftler und Ökologen die Folgen des Klimawandels auf Ökosysteme und Menschen beschreiben. An sich sollte das auf Basis der Ergebnisse von Band eins passieren.
taz: Und in diesem Fall?
Rahmstorf: In diesem Fall wurde eine nicht ordentlich belegte Zahl aus der grauen Literatur zitiert, die nicht wissenschaftlich haltbar ist. Im Regelwerk des IPCC steht, dass Angaben aus solchen grauen Quellen, also nicht aus den begutachteten Fachjournalen, besonders kritisch geprüft werden müssen.
taz: Die Sozialwissenschaftler können also mal wieder nicht mit Zahlen umgehen?
Rahmstorf: Das will ich nicht sagen, zumal die Ökologen ja auch Naturwissenschaftler sind. Eher offenbart es auch eine Schwäche in der Zusammenarbeit der IPCC-Arbeitsgruppen. Die Wissenschaftler der ersten Arbeitsgruppe hätten noch einmal kritisch alle Kapitel der zweiten Arbeitsgruppe prüfen sollen. Aus eigener Erfahrung als Autor muss ich allerdings sagen, dass das bei der hohen und rein ehrenamtlichen zeitlichen Belastung kaum zu schaffen ist.


Umweltbundesamt-Chef: "Weniger Fleisch essen hilft" (19.01.2010)
taz: Herr Flasbarth, müssen wir weniger Fleisch essen, weil beispielsweise bei der Rindermast viel Treibhausgas entsteht?
Jochen Flasbarth: Der Umfang des Fleischkonsums entzieht sich definitiv staatlicher Regulierung, das muss jede und jeder selbst entscheiden. Aber gleichzeitig steht fest: Wer weniger Fleisch isst, lebt gesünder und hat ja nicht weniger Lebensqualität. Also, insofern würde ich es so sagen: Wenn man weniger Fleisch isst, tut man etwas für die Umwelt.


Jonathan Safran Foer im Interview: Ich liebe Würste auch. Aber ich esse sie nicht (17.01.2010)
Einer neuen Studie zufolge ist Viehzucht für 51 Prozent der klimaerwärmenden Gase verantwortlich. Bislang war man von 18 Prozent ausgegangen. Warum hat man über diesen Aspekt so wenig aus Kopenhagen gehört?
Jonathan Safran Foer: Das ist eine gute Frage. Ich glaube aber, langsam wird darüber gesprochen. Der Klimaexperte Lord Stern sagte kürzlich, der einzige Weg, den Planeten zu retten, sei eine globale Bewegung hin zum Vegetariertum. Und auch Al Gore fängt an, darüber zu reden. Umweltschützer wussten es natürlich schon immer, das ist wie der Elefant im Wohnzimmer. Das Problem ist, dass es den meisten Menschen nicht behagt, wenn ihre Ernährungsgewohnheiten kritisiert werden, und man will nicht riskieren, all diejenigen, die gewillt sind, für die Umwelt einiges in ihrem Leben zu ändern, damit zu verprellen, dass man ihnen auch noch ihr Fleisch ausreden will.
Sie sprechen von einem Krieg zwischen Mensch und Tier.
Jonathan Safran Foer: Massentierhaltung ist eine 140-Milliarden-Dollar-Industrie; nahezu ein Drittel der Erdfläche wird für Viehzucht genutzt, der Regenwald wird abgeholzt, um Tierfutter anzubauen. Es geht hier einfach um sehr viel. Und vor allem, was den Fischfang angeht, kann man es nicht anders als Krieg nennen. Wir nutzen Kriegstechnologien, um Fische zu jagen. Kriegsschiffe, Radar, Satelliten - der ganze Meeresboden wird leer geräumt. Wenn das kein Krieg ist, weiß ich nicht, was Krieg sein soll.
Wenn man gerne etwas Gutes tun möchte, aber nicht vollkommen auf Fleisch verzichten, was sollte man dann am ehesten weglassen?
Jonathan Safran Foer: Das kommt drauf an, was Ihnen wichtig ist. Wenn Ihnen das Wohlergehen der Tiere wichtig ist, dann sollten Sie wohl am ehesten Eier weglassen. Wenn Ihnen die Umwelt wichtig ist, sollten Sie kein Rindfleisch essen. Wenn Ihnen die Zukunft des Planeten wichtig ist, sollten Sie auf Fisch verzichten.
Sie regen an, dass bei jeder Portion Sushi, die man isst, auf einem Beipackzettel stehen sollte, wie viele andere Seetiere dafür umsonst gestorben sind.
Jonathan Safran Foer: Für ein Pfund Shrimps werden bis zu dreizehn Kilogramm anderer Meerestiere getötet und zurück ins Meer geschmissen. Beifang wird das genannt. Die Leute würden viel weniger Fisch essen, wenn das jedes Mal dabeistünde.


"Es droht ein Überlebenskampf" (17.01.2010)
Welt am Sonntag: Was haben Sie gedacht, als klar war, dass die Klimakonferenz in Kopenhagen scheitert?
Rifkin: Die Klimaerwärmung ist wahrscheinlich die größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit. Das wirkliche Problem, und deshalb sind die Gespräche gescheitert, ist, dass die Politiker und die meisten von uns noch in den Kategorien des 18. Jahrhunderts, der Zeit der Aufklärung, denken. Wenn wir im 21. Jahrhundert weiter mit dem Menschenbild des autonomen, materialistischen Individuums operieren, dann erklären Sie mir, wie wir eine gemeinsame globale Zivilisation sein wollen.
Welt am Sonntag: Ich gehöre nicht zu den Klimaskeptikern, aber ich weiß aus dem Studium, wie schwierig es ist, den Effekt einer kleinen Maßnahme zu berechnen, weil man vor lauter möglichen Scheinkorrelationen die tatsächliche kausale Wirkung schwer erkennen kann. Daher bin ich immer wieder verblüfft, mit welcher Selbstsicherheit Wissenschaftler Prognosen über so einen langen Zeitraum machen.
Rifkin: Wissen Sie, was die zentrale These des 4. UN-Klimareports 2007 gewesen ist? Wir haben überall schiefgelegen und das seit dreißig Jahren. Seit drei Jahrzehnten unterschätzen wir die Beschleunigung des Klimawandels. Unsere Modelle können die Klimaspirale nicht abbilden, deshalb sind unsere Vorhersagen zu konservativ.
Welt am Sonntag: Die Geschichte ist voll von Schwarzsehern, die behaupteten, das Ende der Welt sei nah.
Rifkin: Ich hoffe auch, eines Morgens aufzuwachen und zu denken, es war alles nur ein Albtraum oder dass diese Vorhersagen übertrieben und melodramatisch sind. Aber in der Tat: Unsere Spezies könnte vor der Auslöschung stehen. Und ich glaube wirklich, dass Ihrer Generation und der Ihrer Kinder ein echter Kampf ums Überleben bevorsteht.


"Erwärmung macht eine Art Atempause" (07.01.2010)
Herr Latif, viele ächzen und stöhnen über den harten Winter. Ist die Klimaerwärmung abgesagt?
Mojib Latif: Nein. Aber wir müssen weiterhin mit kalten Wintern rechnen, denn der Einfluss der globalen Erwärmung auf das Wettergeschehen ist zum Glück noch relativ gering. Sie werden allerdings immer seltener werden. Zudem dürfen wir das, was wir erleben, nicht zum alleinigen Maßstab machen. Während wir frieren, ist es zum Beispiel in den Tropen zur Zeit außergewöhnlich warm, und die riesigen Flächen dort haben einen viel größeren Einfluss auf die Welttemperatur als Europa.


Die USA können nicht führen (28.12.2009)
SPIEGEL: Gibt es denn irgendeine Grundlage für die Hoffnung, dass es doch noch zu einem Weltklimavertrag kommen könnte?
Röttgen: Erledigt ist das nicht. In dem Abschlussdokument stehen wichtige Ziele, und es gibt die Notwendigkeit in der Sache. Wir haben alle Zutaten, aber es ist offen, wie wir diese Ziele erreichen können. Für mich steht aber fest, dass es bei aller Enttäuschung zur Uno keine Alternative gibt. Wenn man den Klimaschutzprozess in ein anderes Gremium überführt, warten dort die gleichen Probleme. Wir sollten die Entwicklung im Rahmen der Uno und des Völkerrechts vorantreiben. [...]
SPIEGEL: Vor dem Klimagipfel haben Sie gesagt, Verzicht sei nicht der richtige Weg. Stimmt das noch? Oder müssen jetzt die Bürger durch Änderungen am Lebensstil beweisen, dass sie die besseren Klimapolitiker sind?
Röttgen: Wenn die Bürger nicht mitmachen, kann es nichts werden. Aber das Problem ist größer, als dass es allein durch individuelles Verhalten zu lösen wäre. Alle müssen mitmachen - aber die Bürger können nicht die politische Verantwortung und die technologische Revolution ersetzen, deren es bedarf. Wir müssen strenge CO2-Standards setzen, weil es ansonsten nicht zu den Investitionen für umweltfreundliche Innovationen kommt. Das galt vor Kopenhagen, und das gilt erst recht jetzt.
SPIEGEL: Ist denn nun Verzicht notwendig?
Röttgen: Ich halte Verzicht für den falschen Begriff. Es ist kein Verzicht, ein Elektroauto statt eines benzingetriebenen Autos zu fahren oder regionale Lebensmittel zu kaufen statt solche mit langen Transportwegen. Steigende CO2-Emissionen und Ressourcenverschwendung sind keine Bestandteile von Lebensqualität und menschlichem Glück.

zeit
Nach dem Klimagipfel: Autoritär gegen die Verschwendung (21.12.2009)
Chandran Nair: Die größte Bedrohung für die Entwicklung der Welt ist, dass westliche Demokratien die Interessen der Individuen zu sehr über die der Gemeinschaft stellen und dadurch grundlegende Probleme nicht gelöst werden können. Das sage ich nicht mit der Häme eines Asiaten, der hofft, dass der Westen schwächer wird, sondern aus der Sorge eines Weltbürgers heraus, der eine lebenswerte Welt erhalten möchte. [...] die meisten Gesellschaftssysteme, in denen wir heute leben, insgesamt extrem verschwenderisch sind – in Asien gleichermaßen wie im Westen. Der ungefähr gleich hohe CO2-Ausstoß von China und den USA zeugt davon. Und wir denken immer noch, dass wir mit Technologie und finanziellen Innovationen die meisten Probleme in der Welt lösen können. Beides spielt ja auch eine große Rolle. Die entscheidende Rolle spielen jedoch die neuen Regeln, nach denen wir leben müssen. Und ich bin überzeugt, dass Länder, denen es als Erstes gelingt, diese Spielregeln verbindlich einzuführen, einen Wettbewerbsvorteil haben. Und zwar einen moralischen ebenso wie einen wirtschaftlichen oder, wenn Sie mögen, auch einen kapitalistischen. [...] Politiker sollen die Zukunftsprobleme lösen. Gleichzeitig nehmen wir es ihnen übel, wenn sie uns bei unseren individuellen Schwächen packen. Was für den Einzelnen gut ist, kann für die Gemeinschaft schlecht sein. Was für uns heute gut ist, kann für die nächste Generation schlecht sein. Abstimmen darf aber nur der Einzelne.


Klimaschutz: ''Verzicht muss nicht sein" (12.12.2009)
Derzeit stellen sich viele die Frage, ob sich unser Lebensstil noch mit dem Klimaschutz verträgt. Wie viel kann denn eigentlich der Einzelne tun?
Jochen Flasbarth: Eine ganze Menge. Wer ein Haus besitzt, kann durch Gebäudedämmung viel Energie einsparen. Mieter haben es da etwas schwerer, die können zwar eine energetische Sanierung einfordern, haben aber im Regelfall keinen Anspruch darauf. Wer umzieht oder Eigentum kauft, sollte sich den Energieausweis von Haus oder Wohnung zeigen lassen. Und natürlich kann jeder durch vernünftiges Heizen etwas tun. Im Verkehr reden wir gern über Bahn und Flugzeug, aber zu selten über kurze Strecken. Ein ganz erheblicher Anteil liegt unter fünf Kilometern. Da kann man auch mal zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren. [...]
Oft ist ein Flug billiger als die Bahnfahrt, der Apfel aus Übersee kostet mitunter weniger als der vom Bodensee. Ist klimaschädliches Verhalten zu billig?
Jochen Flasbarth: Ja, aber das können wir sinnvoll nur international abgestimmt ändern. Seit Jahren gibt es die Debatte über die Kerosinsteuer. Sie würde Transportkosten in eine andere Relation setzen, auch die von Gütern, ist aber international nicht durchsetzbar. Die EU macht es deshalb richtig, indem sie ab 2012 den Flugverkehr in den Emissionshandel einbezieht. Und zwar für alle Flugzeuge, die hier starten und landen.
Müssen wir uns von Konsum, vom Wegwerfen verabschieden?
Jochen Flasbarth: Bisher reden wir nur über Energie und Energiesparen. Aber das steht bei den Rohstoffen genauso an. Die Wegwerfgesellschaft sollte schon lange Vergangenheit sein. Ob das am Ende ein Verzicht wird? Ich glaube nicht.
Warum?
Jochen Flasbarth: Weil es oft nur eine Änderung von Gewohnheiten ist. Wir haben das beim Verbot der Glühbirne erlebt: Das ist ein Wandel, den unsere Gesellschaft ertragen muss und kann. Und die Energiesparlampe wird ganz gewiss kein Verlust an Lebensqualität sein.


"Den Methan-Schalter zuerst umlegen" (07.12.2009)
Wie würden Sie dann die Klimaschutzpolitik angehen?
Smith: Angenommen ich hätte zwei Schalter, einen, um schlagartig alle menschlichen CO2-Emissionen zu stoppen und einen für die Methan-Emissionen. Ich dürfte aber nur einen Schalter umlegen – welchen würde ich auswählen, um etwas gegen den Klimawandel in den nächsten 90 Jahren zu tun? Den langfristigen – CO2 – oder den kurzfristigen – Methan?
Ich würde den Methan-Schalter umlegen. Sicher müssen wir auch den anderen umlegen, das ist aber kurzfristig sehr schwierig. Wenn Sie die Methan-Emissionen stoppen, gewinnen Sie Zeit, um herauszufinden, wie man den CO2-Schalter betätigen kann.


Klimaratschef Pachauri fordert Mut zu großen Veränderungen (04.12.2009)
Pachauri: Einige Länder, insbesondere in Teilen Afrikas, Asiens und auch in Lateinamerika, haben nicht die Möglichkeit, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Ich denke, dass die entwickelte Welt ihnen zur Hilfe kommen muss, dies ist eine moralische und ethnische Frage. Ich bin optimistisch, was Kopenhagen angeht, denn ich habe einen großen Meinungswandel in den letzten zwei Jahren beobachtet. Insbesondere seit dem vierten Bericht des Weltklimarates. Also ich glaube, dass die verschiedenen Elemente zu einer Lösung zusammenkommen werden. [...] Die Welt hat schon einige radikale und technische Veränderungen erlebt. Wir haben als Jäger und Sammler angefangen und dann kamen der Ackerbau und die Entwicklung der Landwirtschaft. Ich sehe also nicht, warum wir uns vor den großen Veränderungen, die heute stattfinden, fürchten sollten. Sie sorgen dafür, dass wir in einer Weise wachsen, konsumieren, die mit dem Umweltschutz in Einklang steht. Wir müssen Umweltschutz und Klima endlich in den Mittelpunkt stellen.


"Politiker sind Menschen verpflichtet, nicht Ölfirmen" (04.12.2009)
Standard: Was kann jeder Einzelne tun, den Klimawandel zu bremsen?
Pachauri: Zum Beispiel bewusster mit Energie umgehen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen.
Standard: Müssen wir unseren Lebensstil ändern?
Pachauri: Ja, das ist ein wichtiger Hebel, die Treibhausgasemissionen einzuschränken. Der Lebensstil, der sich in der westlichen Welt durchgesetzt hat und in Schwellenländern nachgeahmt wird, ist mit gewaltiger Verschwendung von Energie verbunden. Wir müssen auch unsere Essgewohnheiten ändern. In einer Welt mit hohem Fleischverzehr wird das Fleisch industriell erzeugt - mit sehr hohen CO2-Emissionen.
Standard: Wir stecken gerade in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit langem. Welche Lehren sollten daraus gezogen werden?
Pachauri: Wir sollten die Art des Wirtschaftens überdenken, die wir bisher gewohnt waren, und den nächsten Aufschwung nützen, um auf grüne Technologien umzusteigen. Erfahrungen aus Deutschland oder Österreich zeigen, dass bei einem Umstieg auf erneuerbare Energiequellen und effizientere Energienutzung viele neue Jobs entstehen. Das zeigt: Auch erneuerbare Energieformen schaffen Wachstum - und das noch weitgehend ohne Beeinträchtigung der Umwelt.


"Chili con Carne würde schon sehr viel kosten" (03.12.2009)
Christa Liedtke: Die CO2-Preise sind ein Teil der Klimapreise, ungefähr ein Viertel im Ernährungsbereich. Wenn man den gesamten Ressourcenumsatz und damit den Naturverbrauch rechnen würde, wäre das eben von dem Faktor vier alles noch mal höher, natürlich spezifisch für die unterschiedlichen Produkte. [...] im Moment haben wir schon, in den letzten 40 Jahren, ein Drittel unserer Böden verloren, die wir überhaupt für die Landwirtschaft nutzen können, also zur Produktion von unseren Nahrungsmitteln. All dieses müssen wir halt mit einbeziehen. Wir haben insgesamt 845 Millionen - oder inzwischen schon wieder gestiegen - Menschen, die hungern weltweit, obwohl wir genügend Kilokalorien haben. Das sind natürlich Probleme, die wir da insgesamt angehen müssten, zu sehen, dass wir tatsächlich unsere Böden entsprechend behandeln, damit wir überhaupt die Nahrungsmittel entsprechend produzieren können und auch gucken, welche Böden wir wie verwenden. Wenn ich alleine weiß, dass ich Faktor sieben bis zehn mehr Ressourcen in Fleisch stecken muss als in Gemüse, dann muss ich mich natürlich schon fragen: Möchte ich das so oder kann ich nicht auch tatsächlich über mein eigenes Verhalten das ein bisschen anders steuern?


Klimaschutz: Drei Krisen mit einer Klappe schlagen (01.12.2009)
In ihrem 2008 erschienenen Buch "Die andere Klimazukunft" erklären Sie, dass ein modernes, komfortables Leben auch in Zukunft möglich ist. Heißt das, der Klimaschutz ist keine Gefahr für den Wohlstand?
Claudia Kemfert: Nein, er ist keine Bedrohung, sondern eine große Chance. Wenn wir jetzt klug die politischen Weichen stellen, schlagen wir drei Krisen mit einer Klappe: die Wirtschaftskrise, die Energiekrise und die Klimakrise. (...)
Was würde Konsumverzicht bringen? Sind geringere Energieverbräuche und Emissionen nur mit enger geschnallten Gürteln erreichbar?
Kemfert: Es geht gerade nicht um Konsumverzicht, sondern um den "richtigen" Konsum. Ein wärmegedämmtes Einfamilienhaus reduziert beispielsweise den CO2-Ausstoß einer vierköpfigen Familie um durchschnittlich bis zu zwei Tonnen CO2 pro Jahr und spart in der Haushaltskasse bis zu 5000 Euro jährlich. Wer aufs Fahrrad umsteigt, kommt oft nicht nur schneller ans Ziel und tut etwas für seine Fitness. Er schont auch die Haushaltskasse und die Umwelt um bis zu eine Tonne CO2 pro Jahr.


Auf ein Wort mit Claudia Kemfert (01.12.2009)
Der Umwelt zuliebe verzichte ich auf…
Claudia Kemfert: Verzicht ist grundsätzlich der falsche Ansatz. Ich verhalte mich klimabewusst: esse vegetarisch, kaufe Bioprodukte, fahre ausschließlich Bahn, verbringe Urlaube an der Nordsee und beziehe Ökostrom. Dadurch ist meine Klimabilanz sehr niedrig.


"Eaternity" – nachhaltige Ernährung schützt Klima (12.2009)
Wie gross sind die Unterschiede zwischen den eaternity Menus und herkömmlichen Mahlzeiten?
Judith Ellens: Da muss ich kurz rechnen – das vegetarische Menu an der Mensa hat durchschnittlich 530g CO2-Äquvalente und ein herkömmliches Fleisch-Menu hat 1240g CO2-Äquivalente. Beim eaternity Menu sind wir bei durchschnittlich 370g CO2-Äquivalente, also 65 Prozent weniger als beim Fleisch-Menu. Bei den Schätzungen haben wir immer die konservativsten Werte gewählt, deswegen ist es in der Realität sehr wahrscheinlich noch mehr.
Wohnen und Verkehr haben also geringere Auswirkungen auf den anthropogenen Treibhauseffekt als die Ernährung?
Judith Ellens: Eindeutig: Während der Bereich Wohnen rund 24 Prozent und der Verkehr gut 19 Prozent der konsumbedingten Treibhausgasemissionen verursacht, nimmt die Ernährung mehr als ein Drittel ein.
Wenn ich also etwas fürs Klima tun will, sollte ich Vegetarier werden?
Judith Ellens: Es wäre sicher ein guter Einstieg, um das Klima zu schützen.
Nicht jeder will gleich von heute auf morgen vegetarisch leben, gibt es auch andere Möglichkeiten, sich klimabewusst zu ernähren?
Judith Ellens: Es ist wichtig, dass wir weniger Fleisch essen. In der Schweiz isst man im Schnitt neun Mal pro Woche Fleisch, da zählt auch das Schinkensandwich zwischendurch. Gesundheitsforscher empfehlen drei Mal in der Woche Fleisch zu essen.
Welche Faktoren sind für klimafreundliche Ernährung entscheidend?
Judith Ellens: Es gibt drei Keypoints. Erstens: pflanzlich statt tierisch. Zweitens: auf die Saisonalität achten – keine Flugzeugtransporte, keine Gewächshausproduktion. Drittens: Regionalität. Frische Produkte aus der Umgebung bevorzugen. So erkennt man auch Klimasünder unter den Lebensmitteln im Supermarkt.


Klimaforscher Schellnhuber: 'Wir stehen an einer Zeitenwende' (30.11.2009)
Welche Auswirkungen hat ein Temperaturanstieg von zwei Grad?
Schellnhuber: «Bereits zwei Grad - und damit ist ja die globale Mitteltemperatur gemeint - sind ein fauler Kompromiss mit der Natur. Es gibt keine magische Grenze, bis zu der alles im Lot bleibt. Eine Erwärmung um zwei Grad im Durchschnitt bedeutet, dass die Pole und das Hochgebirge mit plus fünf bis sieben Grad viel stärker betroffen sind als Meeresregionen. Die meisten Gletscher verschwinden, mächtige Flüsse werden zeitweise und möglicherweise langfristig ganz austrocknen, was Hungersnöte zur Folge hätte. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel um ein, im ungünstigsten Fall sogar bis zu zwei Meter steigen. Selbst ein Anstieg um weniger als einen Meter würde sich massiv auf Siedlungsstrukturen auswirken. Korallenriffe würden weitgehend vernichtet. Zwei Grad klingt nicht nach viel, es ist aber der Unterschied zwischen dem mediterranen Klima in Mailand und dem Regionalklima in Berlin.»
Und über zwei Grad?
Schellnhuber: «Bei 2,5 Grad ist das Abschmelzen des Grönland-Eises wahrscheinlich. Der Meeresspiegel würde dann langfristig, also über die kommenden Jahrhunderte, um sieben Meter ansteigen. Bei drei Grad steht der Regenwald am Amazonas auf dem Spiel. Bei weiterer Erwärmung würden die Permafrostböden auftauen und mit der Freisetzung von riesigen Mengen Methan den Effekt weiter dramatisch anheizen.» 


derStandard.at fragte die fünf Umweltsprecher, wie sie es mit Energie, Elektroautos und Erdbeeren im Winter halten (12.11.2009)
Beherzigen die Umweltsprecher der fünf Parlamentsparteien die Ratschläge, die sie anderen geben? Wie umweltbewusst leben sie? derStandard.at hat Petra Bayr (SPÖ), Hermann Schultes (ÖVP), Norbert Hofer (FPÖ), Robert Lugar (BZÖ) und Christiane Brunner (Grüne) neun Fragen zu ihrem persönlichem Umweltverständnis gestellt.


„Klimaschutz kostet nur vier Euro die Woche“ (06.11.2009)
Stern: Zwei Tonnen Emission pro Kopf im Jahr 2050 im Vergleich zu zehn bis zwölf Tonnen in Europa heute - das ist schon eine große Herausforderung. Gleichzeitig wollen wir, dass es uns 2050 noch besser gehen wird. Wenn das erreicht werden soll, müssen wir zuerst die Stromgewinnung dekarbonisieren. [...] Die Entwaldung zu stoppen gehört fundamental dazu, und das hat Auswirkungen auf den Fleischkonsum, weil für die Weidegewinnung viel Wald abgeholzt wird.
Wie hoch werden die Klimaschutz-Kosten für den Einzelnen sein?
Stern: Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 20.000 Euro im Jahr sind das etwa 200 Euro pro Jahr, also vier Euro pro Woche. Das ist wirklich nicht viel.
Edenhofer: Das entspricht etwa der Erhöhung der Mehrwertsteuer um ein bis zwei Prozentpunkte. Solche Mehrwertsteuererhöhungen haben auch nicht die Wirtschaft zusammenbrechen lassen.


«Es ist jetzt schon fast zu spät, um eine kritische Erwärmung zu verhindern» (04.11.2009)
Die Entwicklungsländer pochen auf Gerechtigkeit und fordern, die reichen Staaten müssten erst Emissionen reduzieren.
Rahmstorf: Der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung schlägt deshalb vor, jedem Land auf der Basis der Bevölkerungszahl ein Emissionsbudget für die nächsten 40 Jahre zuzuteilen, sodass die Erwärmung unter 2 Grad bleibt. Demnach darf ein Erdenbürger 110 Tonnen CO2 produzieren. Auf die Länder übertragen, hiesse das zum Beispiel: Indien müsste sich weniger anstrengen, das Budget würde bei heutigen Emissionen noch 90 Jahre reichen. Für Deutschland hingegen nur 10, für die USA gar nur 6 Jahre. Bezogen auf das CO2 sind die armen damit eigentlich die reichen Länder. Die Industrieländer müssten bei den Entwicklungsstaaten CO2-Zertifikate einkaufen, um das Budget nicht zu überziehen. Die Einnahmen sollten zweckgebunden sein, also konkreten Projekten zur Anpassung an den Klimawandel und zum Aufbau einer nachhaltigen Energie-Infrastruktur dienen. 


Klima-Hoffnung Indien (02.11.2009)
Schellnhuber: Wir müssen auf eine Doppelstrategie setzen: das Unbeherrschbare vermeiden und das Unvermeidliche beherrschen. Klar ist: Jedes Zehntelgrad Erderwärmung, das wir vermeiden, erspart uns ungeheuere Kosten und rettet Menschenleben. Unsere erste Priorität muss daher sein, den Klimawandel in beherrschbaren Grenzen zu halten. [...] Allein der Anstieg des Meeresspiegels würde bei einer Erwärmung über zwei Grad nicht mehr beherrschbar. Bei drei bis vier Grad Erderwärmung könnte er, je nach Weltregion, um 15 bis 20 Meter steigen. Schon bei einem Meter Anstieg – bis zum Ende des Jahrhunderts ein durchaus realistisches Szenario – hätten wir immense Kosten zu tragen: Wir müssten etwa eine Million Kilometer Küstenlinie weltweit verteidigen. Bei Baukosten von üblicherweise einer Million Euro pro Deichkilometer würden uns allein diese Schutzmaßnahmen eine Billion Euro kosten. Bei einem Anstieg von mehr als einem Meter wären diese Küsten unrettbar verloren. [...] Besser wäre es, wir würden sofort in dem Umfang aktiv, den uns die aktuellen Klimadaten vorgeben. Denn eines ist gewiss: Mit der Natur kann man nicht verhandeln.


"Design statt Desaster": Ökologische Ökonomie (23.09.2009)
CO2-Emissionen ließen sich auch ohne soziale Kosten senken?
Sigrid Stagl: Natürlich; wenn es by design und nicht by desaster wäre. Da wir keinen tief genug gehenden Plan haben, wie wir uns in Richtung nachhaltiger Entwicklung bewegen, passieren diese Veränderungen by desaster. Darum brauchen wir ein reduziertes Wirtschaftswachstum by design, das mit positiven Konsequenzen wie erhöhtem Zeitwohlstand und erhöhter Lebensqualität durch bessere Umweltbedingungen einher gehen kann. Was neu ist, ist der von der Umwelt ausgehende rasch steigende Druck zur Neuorientierung. 


"Ich will kein Doppelleben mehr führen" (13.09.2009)
Wie entwickelte sich im Zusammenhang mit der vegetarischen Ernährung das ökologische Bewußtsein?
Cem Özdemir: Das kam mit der zunehmenden Politisierung dazu. Ich bin mit Ende 15 bei den Grünen eingetreten und hab damals gelesen, wieviel mehr Menschen man ernähren kann über den direkten Weg des Getreides und wieviel weniger Menschen man ernähren kann, über den Umweg Fleisch – das eben ein zigfaches an Getreide dabei verloren geht, wie auch viele Nährstoffe verloren gehen. Dazu kam die Methangasbelastung, die ja heute beim Klimaschutz eine ganz wichtige Rolle spielt. Das habe ich alles mit 16 und 17 Jahren gelesen und das war dann noch ein zusätzliches Argument für mich, dass ich sagte, so nun ist der Punkt erreicht, ich will kein Doppelleben mehr führen, ich will nicht mehr tricksen. Ich will Vegetarier sein und ich steh dazu.

zeit
"Manchmal könnte ich schreien" (02.09.2009)
ZEIT: Wenn Sie hier an Ihrem Schreibtisch sitzen und all die düsteren Nachrichten lesen – was geht da in Ihnen vor?
Schellnhuber: Uns Klimawissenschaftlern ist natürlich schon lange bewusst, dass die Fluchttür beim Klimawandel nur noch eine Handbreit offen steht. Bald könnte sich diese Tür ganz schließen – etwa durch die eben angesprochene Freisetzung der Methangase aus terrestrischen und marinen Quellen. Und wenn wir tatsächlich in diesem Jahrhundert eine globale Erwärmung von fünf, sechs Grad zustande bringen, dann wird es auf diesem Planeten eine Hochzivilisation, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben.
ZEIT: Haben Sie Angst?
Schellnhuber: Ich habe einen kleinen Sohn, der gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert hat. Das ist für einen Mann in meinem Alter ein großes privates Glück. Und es ist eine wunderbare Vorstellung, dass mein Kind von den medizinischen Voraussetzungen her vielleicht bis zum Jahr 2100 leben könnte. Politiker denken jedoch oft: Ich muss die Probleme der Gegenwart lösen, was kümmert mich das Jahr 2100? Aber dieses Jahr ist offenbar nur eine Generation entfernt. Und natürlich wünsche ich mir, dass mein Sohn die Chance bekommt, ein Leben in Würde zu führen, auch wenn er älter ist. In dieser Hinsicht mache ich mir zunehmend große Sorgen.
ZEIT: Wir reden von Europa und den USA. Aber was nützt das alles, wenn allein in Peking jeden Tag 1500 Autos neu zugelassen werden?
Schellnhuber: Wir führen einen intensiven Dialog mit indischen und chinesischen Wissenschaftlern, die uns folgenden Spiegel vorhalten: "Ihr im Norden sagt uns, wir müssten unbedingt die schmutzige Phase des industriellen Aufschwungs hinter uns lassen, weil sonst die Welt zugrunde geht. Dann gebt uns bitte die notwendigen technologischen und finanziellen Mittel. Aber zu allererst müsst ihr, die Verursacher des Desasters, euer schmutziges Leben ändern und ein glaubwürdiges Zeichen setzen".


"Die Industrieländer stecken tief in der CO2-Insolvenz" (01.09.2009)
Schellnhuber: [...] Unser Ausgangspunkt ist, dass jeder Mensch gleiches Anrecht auf die Nutzung der Atmosphäre hat. Das ist ein elementares Gerechtigkeitsprinzip. So haben es vor zwei Jahren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der indische Premierminister Manmohan Singh gefordert. Warum sollte ein Deutscher mehr CO2-Emissionen verursachen dürfen als jemand in Bangladesch? Es gilt, die CO2-Menge, die bis 2050 verbleibt, gerecht zwischen allen Ländern aufzuteilen. [...] Deutschland etwa peilt bis 2020 minus 40 Prozent gegenüber 1990 an, 60 Prozent wären aber angebracht, was einer Halbierung im Vergleich zu heute entspricht. Die Industrieländer stecken schon tief in der CO2-Insolvenz. Das bedeutet, dass sie ihre Klimaschutzanstrengungen drastisch nach oben fahren müssen. Sonst verbrauchen sie die CO2-Mengen, die eigentlich den Entwicklungsländern und künftigen Generationen zustehen würden. 

zeit
Wasserknappheit: "Wir denken wie vor 10.000 Jahren" (16.07.2009)
Ein Gespräch mit Anthony Allan, der das "virtuelle Wasser" erfand – und zum Vegetarier wurde
ZEIT: Besonders bedrohlich ist doch, dass die Produktionssteigerungen auch in den Kornkammern der Welt an Ressourcengrenzen stoßen – ob in Indien, China, Australien oder den USA.
Allan: Eines ist völlig klar: Unser derzeitiges Konsumverhalten ist potenziell tödlich. Ein Großteil des Wassereinsatzes in der Landwirtschaft dient der Erzeugung von Viehfutter. Mit einer fleischlosen Ernährungsweise könnten wir den Wasserverbrauch in der Welt halbieren! Ich bin selbst Vegetarier geworden und kann Sie beruhigen: Es ist gar nicht schwer.


"Grönlands Eisschild ist ein erwachender Riese" (07.07.2009)
Ahlstrøm: Wir haben sehr detaillierte Aufzeichnungen, die zeigen, dass sich der Gletscher Sermeq Kujalleq in den letzten 150 Jahren konstant zurückgezogen hat. Normalerweise passiert das langsam und schrittweise. Doch dazwischen gibt es plötzliche Geschwindigkeitssprünge. Die aktuelle, hohe Geschwindigkeit scheint allerdings dauerhaft zu sein. Ich glaube zwar nicht, dass sich der Gletscher noch schneller zurückziehen wird, aber es wird mit dieser Geschwindigkeit weitergehen. Die Erwärmung der Atmosphäre und der Ozeane macht es unmöglich, dass die Gletscher-Zungen wieder wachsen können. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass wir weiterhin große Mengen Eis verlieren. [...] Ich bin Wissenschaftler, kein Politiker. Trotzdem ist es für mich als Wissenschaftler interessant zu sehen, dass die Politiker sich bemühen herauszufinden, was politisch machbar ist. Ihr derzeitiges Ziel können sie der Öffentlichkeit offensichtlich verkaufen: die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Aber ich muss betonen, dass zwei Grad das absolute Maximum sind. Das ist nichts, was man verhandeln könnte - 2,5 oder 2,7 Grad. Zwei Grad ist bereits das äußerste Maximum, denke ich.


"Klimawandel schlimmer als Krise" (22.06.2009)
Pachauri: Wir sollten weniger Fleisch essen, weil der Fleischzyklus sehr intensiv ist. Man produziert Fleisch etwa in Brasilien, exportiert es nach Europa, Japan und anderswohin. All das braucht enorme Mengen an Kühlung, an Land, an Tierfutter. Mit einer kleinen Veränderung im Lebensstil, der nicht schmerzen muss, kann man schon viel bewirken.


EVANA-Interview mit Tobias Leenaert von EVA, Belgien (02.06.2009)
Am 13. Mai 2009 initiierte Tom Balthazar, Ratsmitglied der Gesundheits- und Umweltkommission in Gent, den "Thursday Veggie Day" (Donnerstag ist Vegetariertag), der in Zusammenarbeit mit der belgischen Vegetarierorganisation EVA (Ethical Vegetarian Alternative) organisiert wurde. Fast unmittelbar nach der Verteilung der Pressemeldung, in welcher der wöchentliche fleischfreie Tag angekündigt wurde, setzte eine internationale Reaktion ein, die selbst die Organisatoren wohl nicht in einem solchen Ausmass erwartet hätten.
Leenaert: Wir wissen, dass das Bewusstsein der Menschen über Fleisch (und besonders der Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung) wächst. Ja, vielleicht sind sich viele bewusst, dass etwas Entscheidendes geschehen muss, was in gewissem Masse nur durch politischen Mut gesichert werden kann.


Klimaforscher Levermann: "Treibhausgase machen Meer sauer" (11.05.2009)
Fische sterben, Wasserspiegel und Temperatur steigen, Korallen bleichen aus - der Klimawandel hat massive Auswirkungen auf das Leben in den Weltmeeren. Damit beschäftigen sich derzeit 5000 Wissenschaftler, Umweltschützer und Regierungsvertreter aus 87 Staaten auf der ersten Welt-Ozean-Konferenz im indonesischen Manado.


Professor Schellnhuber hofft auf eine neue Sichtweise und die Technik (27.03.2009)
Schellnhuber: Das Zwei-Grad-Ziel maximaler Temperaturerhöhung hat zuvor als noch relativ sichere Linie gegolten, bei dem die Folgen beherrschbar bleiben sollten. Jetzt sehen wir, dass es ein ziemlich fauler Kompromiss ist und die absolute Obergrenze der Erwärmung markieren sollte. [...] Eine Transformation unserer Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit wäre notwendig.


Klimawandel: "Manchmal könnte ich schreien" (26.03.2009)
Schellnhuber: Wissenschaftler von der University of Victoria in Kanada zeigen sich nach neuesten Messungen außerordentlich besorgt darüber, wie rasch die Permafrostböden auftauen und Methan freisetzen, das ein hochpotentes Treibhausgas ist. Ich habe Bilder gesehen aus Sibirien, wo Leute im Schnee herumstapfen, mit den Absätzen ein Loch in den Boden treten und dann ein Feuerzeug hinhalten – sofort entsteht eine Stichflamme. In den Permafrostböden sind vermutlich mindestens eine Billion Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Das ist zehnmal so viel, wie die Menschheit bisher durch Verbrennung von Kohle, Gas und Öl freigesetzt hat. [...] Uns Klimawissenschaftlern ist natürlich schon lange bewusst, dass die Fluchttür beim Klimawandel nur noch eine Handbreit offen steht. Bald könnte sich diese Tür ganz schließen – etwa durch die eben angesprochene Freisetzung der Methangase aus terrestrischen und marinen Quellen. Und wenn wir tatsächlich in diesem Jahrhundert eine globale Erwärmung von fünf, sechs Grad zustande bringen, dann wird es auf diesem Planeten eine Hochzivilisation, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben.


«Wir brauchen grössere Sicherheitsmargen» (25.03.2009)
Andreas Fischlin: Generell zeichnet sich eine Verschärfung der durch den Klimawandel hervorgerufenen Auswirkungen ab. Zum Beispiel schmilzt das Packeis schneller ab, als wir es heute mit den besten Modellen zu berechnen vermögen. Damit müssen einige hierzu im IPCC-Bericht gemachte Aussagen als überholt gelten. [...] Dieses Jahr ist ein Schlüsseljahr: Es werden die Weichen für die nationale wie die internationale Klimapolitik gestellt. [...] Wir müssen grössere Sicherheitsmargen in der Klimapolitik vorsehen. [...] Inzwischen gibt es jedoch deutliche Hinweise, dass selbst eine geringere Erwärmung als 2 Grad für einige Systeme schon sehr kritisch sein könnte. Ich denke hier zum Beispiel an Packeis, Gletscher, Wasserversorgung, Feuer, Insektenbefall oder Korallenriffe. [...] Bereits bei der bisher erfolgten Erwärmung von 0,74 Grad treten signifikante Effekte auf, die wir vor einigen Jahren noch nicht erwartet haben. Einiges haben wir zwar vorausgesagt, in vielen Bereichen sind wir aber von den Ereignissen eingeholt worden. Bereits bei einer geringen zusätzlichen Erwärmung ergeben sich erhebliche negative Effekte wie beispielsweise die Feuersbrünste der letzten Jahre in Australien, Kalifornien oder einigen Mittelmeerländern.


Klimatagung in Kopenhagen: "Forscher sind sich nie einig" (12.3.2009)
Rahmstorf: Wie rasch können wir die globale Erwärmung stoppen? Realistisch möglich ist noch die Begrenzung auf zwei Grad über dem vorindustriellen Temperaturniveau, wie es sich die EU seit vielen Jahren zum Ziel gesetzt hat. Langsam läuft uns allerdings die Zeit davon. Um unter dem Zwei-Grad-Limit zu bleiben, darf bei den globalen Klimaschutzbemühungen keine Zeit verloren werden und nichts mehr schief gehen. [...] Um die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssen wir weltweit den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 mindestens halbieren. Gegen Ende dieses Jahrhunderts muss er sogar nahe null liegen. Es geht also um die Transformation unseres Energiesystems und den Ausstieg aus dem Zeitalter der fossilen Brennstoffe.


Nobelpreisträger Pachauri über Klimawandel: "Ihr steigt um, dann folgen wir" (05.02.2009)
Welche Rolle kommt Europa in der Klimapolitik zu?
Pachauri: Die EU hat eine Führungsrolle, und es ist wichtig, dass sie diese Position behält. Damit ist sie auch ein machtvolles Beispiel für die USA. Sollte die EU aus irgendeinem Grund zögern, wird es in den USA Kräfte geben, die das ausnutzen und versuchen werden, die Regierung dahingehend zu beeinflussen, dass sie selbst weniger unternimmt. Diese Herausforderung muss die EU annehmen und Führungsstärke demonstrieren. [...]

Wie könnte ein "New Green Deal" konkret aussehen?
Pachauri: Wir müssen Energien aus Sonne, Wind und Biomasse fördern mit entsprechenden Signalen an die Privatwirtschaft, also etwa günstige Kredite, Steuernachlässe oder direkte Subventionen. Auch müssen die Anstrengungen im Bereich Forschung und Entwicklung verstärkt werden, zugleich müssen Kohlendioxidemissionen kostenpflichtig werden, das wäre ein sehr starkes Signal zum Umsteuern.


Die Zeit zur Rettung der Erde schmilzt (29.12.2008)
Schellnhuber: [...] Die gewöhnliche Luftverschmutzung, ganz besonders in Asien, wirkt nämlich kühlend und verdeckt noch einen Großteil der Erderwärmung. Nach neueren Untersuchungen ist eine Erwärmung um 2,4 Grad schon jetzt im Klimasystem einprogrammiert. Wir sind auf dem Weg zur Destabilisierung des Weltklimas viel weiter fortgeschritten, als die meisten Menschen und ihre Regierungen denken.


Ich will kein Missionar sein (27.10.2008)
Leuenberger: Pachauri hat sehr recht: Für unser Fleisch verfüttern wir den Tieren Getreide, und das wiederum braucht Wasser. Der steigende Fleischkonsum ist eine der Hauptursachen des weltweiten Hungers und des Kampfes um Nahrung. Diese Zusammenhänge sollten wir schon sehen und uns danach verhalten.


Eisschmelze in der Arktis: "Das ist ein historischer Bruch" (16.09.2008)
Marc Rothwell erlebt die Folgen des Klimawandels unmittelbar mit: Als Kapitän eines kanadischen Eisbrechers ist er Zeuge der großen Eisschmelze. Während sich mancher über den freien Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik freuen dürfte, warnt Rothwell vor Umweltkatastrophen.


Verheizen wir unsere Zukunft? (04.09.2008)
Andreas Fischlin: Klimamässig erleben wir heute, was unsere Vorfahren für uns entschieden haben. Und wir entscheiden heute, was unsere Kinder und Enkelkinder erleben werden. [...] Ein Temperaturanstieg zwischen 2 und 3 Grad kann die Weltwirtschaft bis zu 9,1 Prozent des globalen Bruttoinlandproduktes kosten. Das sind 3,7 Billionen US Dollar. Demgegenüber sind die Kosten der Vermeidung deutlich geringer und werden durch den UNO-Klimarat als durchaus verkraftbar eingestuft. Selbst ehrgeizige Klimaschutzmassnahmen weisen tragbare Kosten auf. Die Vermeidung scheint also die ökonomisch-rationale Strategie zu sein. [...] Wir müssen global allergrösste und langfristige Anstrengungen unternehmen, um die Klimaerwärmung bei einem Anstieg von 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu stoppen. Zwei Grad gelten als Kipppunkt: über dieser Marke sind gravierende Änderungen des Weltklimas kaum mehr vermeidbar oder noch rückgängig zu machen. [...] Wenn wir das Klima retten wollen, braucht es den vollen Einsatz aller, angefangen beim Ausknipsen des Schalters bis zur Unterstützung der richtigen politischen Kräfte.


Interview: Der politische Wille fehlt (07.2008)
Jakob von Uexküll: Das Klimachaos verschärft in vielen Gebieten der Erde die Wasserknappheit, die Ernten gehen zurück. Und es gibt eine neue Konkurrenz. Bisher haben die Menschen der Dritten Welt mit den Rindern konkurriert, für deren Futter ihre Nahrungsmittel knapp wurden. Jetzt müssen sie auch noch mit Autos konkurrieren (...) Die Ursache für Hunger ist nicht in erster Linie Nahrungsknappheit, sondern Armut und der mangelnde politische Einfluss der Armen. Es ist genug da, aber viele können es sich nicht leisten. (...) Schon drei Prozent weniger Fleischkonsum in den Industrieländern würde dazu führen, dass eine Milliarde Menschen weniger hungern. Allein das Futter für eine Katze in den USA braucht so viel Anbaufläche wie das Essen für einen Menschen in Costa Rica.


Interview: "Wir müssen scharf ran" mit Renate Künast (04.2008)
Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, über eine radikale Änderung der EU-Agrarhilfen, über Klimaschutz und zu viel Fleisch auf unseren Tischen.
Frage: 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft stammen aus der Tierhaltung, vor allem der Rinderhaltung. Sollen wir weniger Fleisch essen und weniger Milch trinken, um das Klima zu retten?
Künast: Wir müssen. Wir können nicht länger so tun, als würden wir bei der Arbeit gegen den Klimawandel mit kleinen Korrekturen zurechtkommen und im Übrigen den alten Wohlstand verteidigen. Wir müssen das gute Leben neu definieren. Die erste Frage ist: Wie klimaschädlich ist der Genuss von Rindfleisch? Aus diesem Bereich kommt die höchste Belastung, nicht nur durch Methan, sondern auch durch die Fütterung. Angefangen beim intensiven Maisanbau bis hin zum Flächenverbrauch etwa in Brasilien, wo Regenwald gerodet und Flächen für den Sojaanbau umgebrochen werden. Das wird dann aufwendig nach Europa transportiert, um es hier zu verfüttern. Wir müssen uns die Frage stellen, ob es richtig ist, weiterhin so viel Fleisch zu essen.


Klimaratsvorsitzender Pachauri: Wir können gemeinsam untergehen oder gemeinsam schwimmen (27.03.2008)
Pachauri: Es ist sehr wichtig, sich bis 2009 auf ein internationales Abkommen zu verständigen. Europa muss als Vorbild dienen. Gandhi sagte, man selbst müsse die Veränderung sein, die man in der Welt sehen möchte. [...] Europa ist eine große und wichtige Einheit; wenn es Ihnen gelingt, ein erfolgreiches Beispiel zu geben, dann wird dies andere Regionen motivieren und inspirieren. Politisch würde Europa auch an Gewicht gewinnen. Europa hat also eine entscheidende Rolle, indem es den Takt vorgibt, um dem Problem des Klimawandels Herr zu werden.


"Wir brauchen eine dritte Industrielle Revolution" (03.2008)
Germanwatch: Müssen sich die Industrienationen zum Klimaschutz verpflichten, noch bevor die großen Schwellenländer mitmachen?
Schellnhuber: Ja. Europa hat seinen Wohlstand seit der ersten Industriellen Revolution auf fossilen Brennstoffen aufgebaut und so eine gewaltige Treibhausgas-Schuld in der Atmosphäre angehäuft. "Entschulden" können wir uns nur durch die Entwicklung eines Wohlstandmodells, das nicht auf CO2-Emissionen beruht und gleichzeitig über die Ausstrahlungskraft verfügt, als Vorbild für die Welt zu dienen. Nur wenn dies gelingt, können wir verhindern, dass uns die Schwellenländer nicht in eine Art Verschmutzungsgeiselhaft nehmen.


Nobelpreisträger haut in Davos auf den Tisch (24.01.2008)
swissinfo: Was müssen wir denn in erster Linie tun?
Pachauri: Zuerst müssen wir die Natur des Problems begreifen. Das Problem verlangt nach Modellen, die sich an einer nachhaltigeren Entwicklung orientieren. Das aktuelle Modell ist nicht nachhaltig. Man muss sehen, dass der Klimawandel lediglich eine Dimension eines viel breiteren Problems darstellt. Das Problem ist, dass wir unsere Ökosysteme und die natürlichen Ressourcen in einer Art und Weise benutzen, die ihnen das Überleben nicht ermöglicht. Wir müssen also die Art und Weise korrigieren, wie wir Entwicklungen anstreben, wirtschaftlich wachsen und konsumieren. Der Übergang kann nur gelingen, wenn wir eine CO2-Abgabe einführen. Wir müssen uns der Wirkung unseres Handelns auf die Ökosysteme unseres Planeten bewusst werden und wir müssen diese Sorge unbedingt bei all unseren Entscheiden einbeziehen, um zu einem System zu gelangen, das weniger auf der Umwelt lastet.


"Es ist die Zeit der Symbole" (07.04.2007)
Schellnhuber: In der Tat zeichnet sich immer deutlicher ab, dass genau diejenigen Länder, die am wenigsten beitragen zur globalen Erwärmung, zum Klimawandel, am meisten betroffen sein werden, zunächst einmal weil diese Länder gar nicht das Geld besitzen, um im großen Umfang fossile Energien zu kaufen und zu verbrauchen, und zweitens weil sie kaum Anpassungsmöglichkeiten haben so wie der reiche Westen. Wir denken natürlich darüber nach, wenn der Meeresspiegel ansteigt um vielleicht einen Meter bis Ende dieses Jahrhunderts, dann bauen wir eben bessere Deichanlagen. So was ist für die Malediven undenkbar.


„Gäbe es nur eine Zukunft, dann bräuchten wir nichts tun.“ Interview mit der Klimaexpertin Helga Kromp-Kolb (06.2005)
Wie wird Österreich vom Klimawandel betroffen sein?
Helga Kromp-Kolb: Österreich ist eines der am meisten betroffenen Länder - zumindest in Europa. Der Wandel geht rascher vor sich, als sich viele Bereiche der Natur anpassen können, besonders im empfindlichen, alpinen Bereich. Wir müssen mit Muren, Gletscherseen und absterbenden Wäldern rechnen, abgesehen natürlich von Überschwemmungen und mangelndem Schnee. Der Schnee ist aber nicht nur für den Tourismus wichtig, sondern auch für die Landwirtschaft. Wenn der Boden im Winter nicht schneebedeckt ist, fehlt im Frühjahr die Schneeschmelze, und der Boden kriegt nicht die nötige Feuchtigkeit. Der Boden ist daher auch frostanfälliger. Gleichzeitig ist auch mit zunehmenden Dürreperioden zu rechnen. Es wird eine Vielzahl von Auswirkungen geben, in irgendeiner Form ist jede Branche und jeder Mensch in Österreich betroffen. [...]
Der Untertitel Ihres Buches lautet: Wie viel Zeit bleibt uns noch? Wie lautet Ihre Antwort?
Helga Kromp-Kolb: Keine, wir müssen jetzt handeln. Damit können wir die Hungersnöte, Wassermangel und die Flucht von Millionenvölkern in krassem Ausmaß vielleicht noch verhindern. Aber wir müssen jetzt handeln, nicht erst in zwanzig Jahren.