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Die UN sagt: Essen Sie weniger Fleisch, um die globale Erwärmung aufzuhalten

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guardian.co.uk

• Klimaexperte drängt auf radikalen Ernährungswandel
• Industrie und Vertreter der Bauern sehen sich zu Unrecht angegriffen

Juliette Jowit, Umweltredakteurin
The Observer, Sonntag, 7. September 2008

Dr. Rajendra Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarates der Vereinten NationenWer einen persönlichen und folgenreichen Verzicht üben möchte, um den Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen, sollte an einem Tag pro Woche fleischlos essen, so die weltweit führende Autorität zum Thema globale Erwärmung gegenüber dem Observer.

Dr. Rajendra Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarates der Vereinten Nationen und Mitempfänger des letztjährigen Friedensnobelpreises, sagte, danach sollten die Menschen ihren Fleischkonsum noch weiter reduzieren.

Seine Äußerungen sind die kontroversesten Empfehlungen zur Frage, wie Einzelpersonen beim Kampf gegen die globale Erwärmung mithelfen können, die der Klimarat bisher ausgesprochen hat.

Pachauri, der letzte Woche zum zweiten Mal für eine sechsjährige Amtsperiode als Vorsitzender des Klimarats wiedergewählt wurde, sagte, eine Ernährungsänderung wäre wichtig aufgrund der enormen Treibhausgasemissionen und weiterer Umweltprobleme – darunter die Zerstörung von Lebensraum –, die mit der Zucht von Rindern und anderen Tieren zusammenhängen. Die Änderung von Ernährungsgewohnheiten sei recht einfach, verglichen mit Veränderungen der Transportmittel, meinte er.

Laut einer Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN ist die Fleischproduktion für ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Diese entstehen etwa bei der Produktion von Tierfutter, während Wiederkäuer, insbesondere Kühe, Methan ausstoßen, das 23-mal so viel zur globalen Erwärmung beiträgt wie CO2. Weiters warnte die Behörde, dass sich der Fleischkonsum bis zur Jahrhundertmitte verdoppeln wird.

„Wenn es darum geht, schnell zu handeln und in kurzer Zeit tatsächlich eine Reduzierung herbeizuführen, ist dies ohne Zweifel die attraktivste Lösung“, meinte Pachauri. „Lassen Sie zunächst an einem Tag [pro Woche] das Fleisch weg und reduzieren Sie es dann weiter“, sagte der indische Ökonom, der selbst Vegetarier ist.

Doch er betonte auch, dass andere Veränderungen der Lebensweise bei der Bekämpfung des Klimawandels helfen würden. „Das möchte ich unterstreichen: wir müssen wirklich auf jedem einzelnen Wirtschaftssektor eine Reduzierung herbeiführen.“

Pachauri kann mit manch lautstarker Reaktion der Lebensmittelindustrie auf seine Empfehlung rechnen, obwohl er gestern Abend unerwartete Unterstützung von John Torode erhielt, Gastronom und Moderator der Sendung „Masterchef“, der demnächst sein neues Buch „John Torode’s Rindfleisch“ herausbringt. „Ich esse ein kleines Stück und genieße es“, sagte Torode. „Wenn es zu viel ist, wird es Völlerei. Aber es gibt hier ein größeres Problem: die Herkunft [des Fleischs]. Wenn wir alle britische Produkte kaufen würden statt importierter Lebensmittel, würden wir eine Menge Kohlenstoffemissionen einsparen.“

Morgen wird Pachauri bei einer Veranstaltung der Tierschutzorganisation „Compassion in World Farming“ sprechen. Nach deren Berechnungen würde eine Halbierung des Fleischkonsums in einem durchschnittlichen britischen Haushalt die Emissionen stärker senken als eine um die Hälfte reduzierte Autonutzung.

Die Organisation forderte die Regierungen auf, Kampagnen für eine Verringerung des Fleischkonsums um 60 Prozent bis zum Jahr 2020 ins Leben zu rufen. Die Aktivisten betonten auch die gesundheitlichen Vorteile von geringerem Fleischverzehr. Im Durchschnitt nimmt ein Einwohner Großbritanniens täglich 50 g Eiweiß aus Fleisch zu sich, was einer Hühnerbrust und einem Lammkotelett entspricht – ein relativ geringer Wert für reiche Nationen, aber 25-50 Prozent mehr, als die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

Professor Robert Watson, wissenschaftlicher Chefberater des Ministeriums für Umwelt, Ernährung und Landwirtschaft, der ebenfalls bei der morgigen Veranstaltung in London sprechen wird, meinte, die Regierung könne mithelfen, die Menschen über die Vorteile geringeren Fleischkonsums aufzuklären, doch sie sollte nichts ,vorschreiben‘. „Weniger Fleisch zu essen würde helfen, keine Frage, doch es gibt noch anderes“, sagte Watson.

Chris Lamb, Marketingleiter der Organisation für Schweinewirtschaft BPEX, sagte jedoch, die Fleischindustrie würde zu Unrecht angegriffen und bemühe sich sehr herauszufinden, welche Vorgänge die größten Umweltfolgen hätten, und diese zu reduzieren. Einige Ideen zur Lösung des Emissionsproblems seien widersprüchlich, meinte er – etwa das Vieh in Innenräumen zu halten; dies entspräche nicht artgerechter Haltung. „Der Klimawandel ist ein sehr junges Forschungsgebiet und unserer Ansicht nach werden viele allzu simple Lösungen vorgeschlagen“, sagte er.

Ein großer Bericht des Netzwerks für Nahrungs- und Klimaforschung an der Universität Surrey zu den Umweltfolgen von Fleischverzehr konstatierte letztes Jahr, dass 8 Prozent der Emissionen in Großbritannien durch Viehzucht entstünden – doch etwas Fleisch zu essen, nütze dem Planeten, da manche Lebensräume von Weidewirtschaft profitierten. Weiters hieß es darin, dass vegetarische Ernährungsformen mit einem hohen Konsum von Milch, Butter und Käse die Emissionen wahrscheinlich nicht merklich verringern würden, da Milchkühe eine Hauptquelle von Methan sind, einem starken Treibhausgas, das durch Blähungen freigesetzt wird.

 

Fleisch in Zahlen

Caroline Davies
The Observer, Sonntag, 7. September 2008

82 g Die Menge an Eiweiß, die der durschnittliche Brite täglich zu sich nimmt; davon stammen 50 g aus Fleisch, was einer Hühnerbrust und einem Lammkotelett entspricht. Für ein entwickeltes Land ist das ein relativ niedriger Wert, jedoch höher als in Entwicklungsländern und 25-50 Prozent über der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation.

8 Die Anzahl an Rindern, die wir in einer durchschnittlichen Lebenszeit essen. Außerdem verzehren wir 36 Schafe, 36 Schweine und 550 Geflügeltiere. In Großbritannien wird heute 50 Prozent mehr Fleisch konsumiert als vor 40 Jahren.

500 lb (= 226,795 kg) Die Menge an Fleisch, die eine durchschnittliche Kuh liefert.

1 Million Tonnen Die Menge an Rindfleisch, die wir als Nation jedes Jahr konsumieren, dazu 1,3 Millionen Tonnen Schweinefleisch und Schinken sowie 1,8 Millionen Tonnen Geflügel.

990 Liter Die Menge an Wasser, die zur Produktion eines Liters Milch benötigt wird.

100 kg Die Menge an Methan, die eine durchschnittliche Kuh jedes Jahr ausstößt. Methan ist ein Treibhausgas, das 23-mal stärker als CO2 ist. Dies entspricht Emissionen von 2300 kg pro Jahr, beinahe so viel wie zwei Hin-und Rückflüge zwischen London und New York oder eine Fahrtstrecke von 7800 Meilen (= 12550,2 Kilometern).

1,5 Milliarden Die geschätzte Zahl von Kühen und Stieren auf der Welt. Sie erzeugen zwei Drittel des weltweiten Ammoniaks, der mitverantwortlich für den Sauren Regen ist.

7 lb (= 3,175 13 kg) Die Menge an Getreide, die zur Erzeugung eines einzigen Pfunds Rindfleisch benötigt wird.

36,4 kg Die Menge an CO2, die bei der Produktion eines einzigen Kilos Rindfleisch freigesetzt wird, so eine aktuelle Studie aus Japan. Weiters entweichen dabei Düngerverbindungen, die 340 g Schwefeldioxid und 59 g Phosphat entsprechen. 169 Megajoule Energie werden verbraucht. Anders gesagt: Ein Kilo Rindfleisch ist verantwortlich für die gleiche CO2-Menge, die ein durchschnittliches europäisches Auto auf 250 Kilometern ausstößt, oder für die Energie, mit der eine 100-Watt-Glühbirne 20 Tage brennen kann.

1 kg Die Menge an CO2, die zur Produktion eines Burgers in einem Fast-Food-Restaurant benötigt wird.

456 Millionen Die für das Jahr 2050 prognostizierte Menge, in Tonnen, an weltweit produziertem Fleisch – fast doppelt so viel wie 2001. Die Hälfte des weltweit vorhandenen Schweinefleischs wird heute in China gegessen, während Brasilien der zweitgrößte Konsument von Rindfleisch ist, nach den Vereinigten Staaten von Amerika.

Quelle:
The Observer: UN says eat less meat to curb global warming
http://www.guardian.co.uk/environment/2008/sep/07/food.foodanddrink (7. September 2008)
The Observer: Meat by numbers
http://www.guardian.co.uk/environment/2008/sep/07/food.beef (7. September 2008)