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Den Klimawandel bekämpfen: Menschliche Solidarität in einer geteilten Welt

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Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 – Den Klimawandel bekämpfen: Menschliche Solidarität in einer geteilten Welt

Auszüge aus Bericht des UN-Entwicklungsprogramms
„Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 –
Den Klimawandel bekämpfen: Menschliche Solidarität in einer geteilten Welt“ 

Im Vorfeld der Weltklimakonferenz in Bali hat das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) Ende November 2007 einen Bericht mit dem Titel „Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 – Den Klimawandel bekämpfen: Menschliche Solidarität in einer geteilten Welt“ veröffentlicht. Darin werden die politischen Entscheidungsträger und die Menschen in den reichen Ländern zum Umdenken aufgefordert, sich innerhalb des uns verbleibenden Zeitraums mehr auf die Armutsbekämpfung, Ernährung, Gesundheit und Bildung in der 3. Welt zu konzentrieren. Die historische Verantwortung der reichen Länder verlangt v. a. die Einhaltung unseres globalen Kohlenstoffbudgets. Der Bericht schlägt konkrete Politikmaßnahmen und mögliche Handlungsweisen vor und zeigt mögliche Perspektiven auf.

Hier einige Auszüge aus dem Bericht: 

Es liegen heute zwingende wissenschaftliche Erkenntnisse vor, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel die Welt in die ökologische Katastrophe treibt, deren Auswirkungen auf die menschliche Entwicklung potenziell nicht rückgängig zu machen sind. Für Millionen der ärmsten Menschen auf der Welt ist der Klimawandel kein Zukunftsszenario – vielmehr untergräbt er bereits heute ihre Bemühungen, sich aus der Armut zu befreien, und fördert ihre Verarmung. Zukünftige Generationen sind ebenfalls gefährdet: Sie werden zu Opfern unserer heutigen Versäumnisse mit potenziell katastrophalen Folgen, wenn wir uns nicht von alten Verhaltensmustern lösen. Das Plädoyer für eine ernsthafte und rasche Reaktion basiert auf dem Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten und menschlicher Solidarität über Grenzen und Generationen hinweg. Unsere Zukunft ist nicht vorherbestimmt. Der Kampf gegen den Klimawandel kann gewonnen werden – aber nur, wenn die Menschen auf der ganzen Welt wirksame Maßnahmen einfordern und Regierungen über nationale Grenzen hinweg gemeinsame Lösungen zur Abwehr einer Katastrophe entwickeln, die uns alle bedroht.

* Vorwort

Was immer wir heute hinsichtlich des Klimawandels tun, hat Konsequenzen, die hundert oder mehr Jahre andauern werden. Der durch Treibhausgasemissionen verursachte Teil dieses Klimawandels ist in überschaubarer Zukunft nicht mehr rückgängig zu machen. Die Treibhausgase, die wir 2008 in die Atmosphäre schicken, werden bis 2108 oder darüber hinaus dort verbleiben. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden sich also nicht nur auf unser eigenes Leben, sondern noch viel stärker auf das Leben unserer Kinder und Kindeskinder auswirken. Das unterscheidet den Klimawandel von den Herausforderungen in anderen Politikbereichen und macht seine Bewältigung schwieriger.

Der Klimawandel ist heute eine wissenschaftlich belegte Tatsache. Aber die genaue Wirkung des Ausstoßes von Treibhausgasen ist nicht leicht zu vorherzusagen, und die Prognosefähigkeit der Wissenschaft ist mit hohen Unsicherheiten verbunden. Immerhin wissen wir inzwischen genug, um zu erkennen, dass hohe Risiken mit potenziell katastrophalen Folgen bestehen, namentlich das Abschmelzen der Eisschilde Grönlands und der Westantarktis (wodurch viele Länder überflutet würden) und Veränderungen beim Verlauf des Golfstroms, die drastische Klimaänderungen nach sich ziehen würden.

Die Vorsicht und die Sorge um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder gebieten uns, jetzt zu handeln. Dies ist eine Form der Versicherung gegen möglicherweise enorm hohe Verluste. Die Tatsache, dass wir weder die Wahrscheinlichkeit solcher Verluste noch den genauen Zeitpunkt ihres wahrscheinlichen Eintretens kennen, ist kein Argument, das gegen eine solche Versicherung spricht. Wir wissen, dass die Gefahr existiert. Wir wissen, dass die durch Treibhausgasemissionen verursachten Schäden für lange Zeit irreversibel sind und dass die Gefahr mit jedem Tag der Untätigkeit wächst. [...]

* Überblick

[...] Der Klimawandel ist das alles überragende Problem der menschlichen Entwicklung in unserer Generation. Bei jeglicher Entwicklung geht es letztendlich um mehr Möglichkeiten und größere Freiheit für die Menschen. Es geht darum, dass Menschen die Fähigkeiten entwickeln, die es ihnen ermöglichen, Entscheidungen zu treffen und ein sinnvolles Leben zu leben. Der Klimawandel droht die Freiheiten der Menschen auszuhöhlen und ihre Wahlmöglichkeiten einzuschränken. Auch das Prinzip der Aufklärung, nämlich dass durch das Voranschreiten des Menschen die Zukunft besser aussehen wird als die Vergangenheit, wird dadurch in Frage gestellt.

Die ersten Warnsignale sind bereits zu erkennen. Heute erleben wir hautnah mit, wie sich der möglicherweise größte Rückschlag für die menschliche Entwicklung anbahnt, den es zu unseren Lebzeiten geben wird. In vielen Entwicklungsländern sind Millionen der ärmsten Menschen dieser Erde schon jetzt dazu gezwungen, die Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen. Diese Auswirkungen rücken nicht als apokalyptische Ereignisse in das Rampenlicht der Berichtererstattung in den Weltmedien. Auf den Finanzmärkten und bei der Ermittlung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Welt finden sie keine Beachtung. Dennoch sind die Armen der Welt schon heute verstärkt von Dürren, immer heftigeren Stürmen, Überschwemmungen und Umweltbelastungen betroffen, die es ihnen unmöglich machen, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder aufzubauen. [...]

Die Art und Weise, wie die Welt heute mit dem Klimawandel umgeht, wird sich unmittelbar auf die menschlichen Entwicklungsperspektiven eines großen Teiles der Menschheit auswirken. Jedes Versagen bedeutet geringere Zukunftschancen für die ärmsten 40 Prozent der Weltbevölkerung – rund 2,6 Milliarden Menschen – und die weitere Verschärfung der Ungleichheiten, die zwischen den Ländern bestehen. Außerdem wird es die Bemühungen um eine breitere Teilhabe an der Globalisierung untergraben und die Kluft zwischen den „Habenden“ und den „Habenichtsen“ weiter vertiefen.

In der Welt von heute sind es in erster Linie die Armen, die unter dem Klimawandel zu leiden haben. Morgen aber wird sich die ganze Menschheit den Gefahren gegenübersehen, die die globale Erwärmung mit sich bringt. Der rasche Anstieg von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre ändert die Klimaprognose für künftige Generationen grundlegend. Wir bewegen uns langsam aber sicher auf „Kipp-Punkte“ zu. Damit werden unberechenbare, nicht-lineare Ereignisse – beispielsweise ein beschleunigter Zusammenbruch der großen Eisschilde der Welt – bezeichnet, die wiederum Umweltkatastrophen auslösen können, durch die sich die menschlichen Siedlungsstrukturen wandeln und die Lebensfähigkeit von Volkswirtschaften geschwächt wird. Unsere Generation wird diese Folgen vielleicht nicht mehr miterleben. Doch unsere Kinder und Kindeskinder werden keine andere Wahl haben, als mit ihnen zu leben. Umgehendes Handeln ist angesagt, um schon heute gegen Armut und Ungleichheit vorgehen, aber auch die Gefahr zukünftiger Katastrophen abwenden zu können.

Manche Meinungsträger berufen sich, wenn sie für eine begrenzte Reaktion auf den Klimawandel plädieren, weiterhin auf die Ungewissheit, die hinsichtlich der zu erwartenden Folgen besteht. Diese Argumentation hinkt. Zwar gibt es tatsächlich viele Unbekannte, denn die Klimawissenschaft befasst sich nicht mit Gewissheiten, sondern mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Wenn uns aber das Wohlergehen unserer Kinder und Kindeskinder wirklich etwas bedeutet, rechtfertigt selbst ein geringes Risiko katastrophaler Ereignisse ein gewisses Sicherheitsdenken. Außerdem ist die Ungewissheit ein zweischneidiges Schwert – die Gefahren könnten noch größer sein, als es uns derzeit bewusst ist.

Der Klimawandel gebietet schon jetzt umgehendes Handeln, um der Bedrohung zweier Gruppen von Menschen entgegenzuwirken, denen seitens der Politik nur ein geringes Mitspracherecht eingeräumt wird: die Armen dieser Welt und künftige Generationen. Er wirft im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Menschenrechte quer durch alle Länder und Generationen Fragen von grundlegender Bedeutung auf. Im Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 gehen wir auf diese Fragen ein. Dabei ist unser Ausgangspunkt, dass der Kampf gegen den Klimawandel gewonnen werden kann – und muss. Der Welt mangelt es weder an den finanziellen Mitteln noch den technischen Möglichkeiten, um handeln zu können. Wenn es uns nicht gelingt, den Klimawandel zu verhindern, wird dies daran liegen, dass wir es nicht geschafft haben, den politischen Willen zur Zusammenarbeit zu stärken.

Ein solcher Ausgang würde nicht nur eine Bankrotterklärung der politischen Phantasie und Führungsstärke bedeuten, sondern auch moralisches Versagen in einer Größenordnung, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat das Versagen der politischen Führung zu zwei Weltkriegen geführt. Millionen von Menschen mussten teuer für diese vermeidbaren Katastrophen bezahlen. Gefährliche Klimaänderungen sind die vermeidbare Katastrophe des 21. Jahrhunderts und darüber hinaus. Künftige Generationen werden streng über eine Generation richten, der die Beweise für einen Klimawandel vorlagen und die auch dessen Konsequenzen begriffen hatte, aber dann einen Weg weitergegangen ist, durch den nicht nur Millionen der Schwächsten dieser Welt zur Armut verdammt, sondern auch künftige Generationen der Gefahr einer Umweltkatastrophe ausgesetzt wurden.

[...] Die Welt, in der wir leben, ist auf vielen Ebenen gespalten. Zwischen den Menschen tun sich in Bezug auf Wohlstand und Chancen riesige Klüfte auf. In vielen Regionen liefert der Nationalismus rivalisierender Gruppierungen Konfliktstoff. Nur zu oft werden religiöse, kulturelle und ethnisch Identität dazu benutzt, sich von anderen abzugrenzen und abzusondern. Angesichts dieser ganzen Zwistigkeiten erinnert uns der Klimawandel nachdrücklich an das Einzige, was wir alle gemeinsam haben – unseren Planeten, die Erde. Alle Nationen und alle Menschen haben wir dieselbe Atmosphäre. Und wir haben nur diese eine.

Die globale Erwärmung liefert den Beweis, dass wir die Belastbarkeit der Erdatmosphäre überstrapazieren. Der Bestand an Treibhausgasen, die Wärme in der Erdatmosphäre festhalten, nimmt mit bislang ungekannter Geschwindigkeit zu. Die gegenwärtige Konzentration ist bei 380 Teilen pro Million (ppm) Kohlendioxidäquivalent (CO2-Äq.) angelangt und liegt damit höher, als es unter natürlichen Bedingungen in den letzten 650.000 Jahren je der Fall war. Im Verlauf des 21. Jahrhunderts oder bis kurz danach könnten sich die Durchschnittstemperaturen weltweit um über fünf Grad Celsius erhöhen.

Um diese Zahl in den Zusammenhang zu stellen: Dies entspricht dem gesamten Temperaturanstieg seit der letzten Eiszeit – einer Zeit, in der weite Teile Europas und Nordamerikas unter einer mehr als einen Kilometer starken Eisschicht lagen. Als Schwellenwert für gefährliche Klimaänderungen gilt ein Temperaturanstieg von rund zwei Grad Celsius. Dieser Schwellenwert liefert einen groben Anhaltspunkt, ab welchem Zeitpunkt es sehr schwierig würde, zu verhindern, dass die menschliche Entwicklung einen rapiden Umschwung erfährt und es immer mehr zu Umweltschädigungen kommt, die nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Hinter den ganzen Zahlen und Messergebnissen verbirgt sich eine ganz einfache, aber erdrückende Wahrheit: Wir gehen mit unserer ökologischen Interpendenz völlig unverantwortlich um. Folglich häuft unsere Generation untragbare ökologische Schulden auf, die künftige Generationen von uns erben werden. Somit zehren wir vom Umweltkapital unserer Kinder. Gefährliche Klimaänderungen stellen dann die Anpassung an ein untragbares Niveau von Treibhausgasemissionen dar.

[...] Die globale Erwärmung findet bereits statt. Die weltweite Temperatur ist seit dem Anbruch des Industriezeitalters um etwa 0,7° C gestiegen und nimmt heute immer rascher zu. Gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge hängt der Temperaturanstieg mit der Zunahme der Treibhausgaskonzentration in der Erdatmosphäre zusammen.

Es gibt keine klare Trennlinie zwischen „gefährlichem“ und „sicherem“ Klimawandel. Viele der Ärmsten dieser Erde und der empfindlichsten Ökosysteme sind schon heute dazu gezwungen, sich auf gefährliche Klimaänderungen einzustellen. Jenseits eines Schwellenwerts von zwei Grad Celsius Temperaturanstieg erhöht sich jedoch drastisch die Gefahr, dass es zu massiven Rückschlägen bei der menschlichen Entwicklung und zu nicht mehr rückgängig zu machenden Umweltkatastrophen kommt.

Bei einem ungebremsten Verlauf weist die Temperaturkurve weit über diesen Schwellenwert hinaus. Um eine 50-prozentige Chance zu haben, den Temperaturanstieg auf zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten, müsste die Konzentration von Treibhausgasen bei circa 450 ppm CO2-Äq. stabilisiert werden. Bei einer Stabilisierung bei 550 ppm CO2-Äq. würde sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Schwellenwert überschritten wird, auf 80 Prozent erhöhen. In ihrem Privatleben würden sich nur wenige Menschen bewusst auf eine Aktivität einlassen, die mit einer ernsten Verletzungsgefahr in dieser Größenordnung verbunden ist. Doch als Weltgemeinschaft muten wir unserer Erde ein weit größeres Risiko zu. Szenarien für das 21. Jahrhundert deuten auf eine mögliche Stabilisierung bei einem Punkt jenseits von 750 ppm CO2-Äq. hin, was einen Temperaturanstieg von über fünf Grad zur Folge haben könnte.

Die potenziellen Auswirkungen auf die menschliche Entwicklung werden von den Temperaturszenarien nicht wiedergegeben. Durchschnittliche Temperaturänderungen in einem Maßstab, wie er in Szenarien prognostiziert wird, die von einem ungebremsten Klimawandel ausgehen, werden in großem Umfang einen negativen Umschwung der menschlichen Entwicklung verursachen und dadurch Existenzgrundlagen gefährden und massenhafte Bevölkerungsbewegungen auslösen. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte sich die Horrorvision katastrophaler Umweltschäden vom Möglichen zum Wahrscheinlichen hin verlagert haben. Jüngsten Erkenntnissen zufolge sind der beschleunigte Kollaps der Eisschilde in der Antarktis und in Grönland, die Übersäuerung der Weltmeere, der Rückgang der Regenwälder und das Auftauen des arktischen Permafrostbodens allesamt Faktoren, die potenziell – jeder für sich oder zusammengenommen – zu „Kipp-Punkten“ werden könnten.

Die einzelnen Länder tragen in höchst unterschiedlichem Maß zu den Emissionen bei, die den Bestand an Treibhausgasen in der Atmosphäre in die Höhe treiben. Fast die Hälfte der CO2-Emissionen entfallen auf die reichen Länder, obwohl dort nur 15 Prozent der Weltbevölkerung leben. Das hohe Wirtschaftswachstum in China und Indien führt zu einer allmählichen Annäherung bei den Gesamtemissionen. Beim CO2-Fußabdruck pro Kopf kommt es jedoch kaum zu einer Annäherung. Der CO2-Fußabdruck eines US-Amerikaners ist fünfmal größer als der eines Chinesen und über 15 Mal so groß wie der eines Inders. In Äthiopien beträgt der durchschnittliche CO2-Fußabdruck pro Kopf 0,1 Tonnen CO2, in Kanada jedoch 20 Tonnen.

Was muss nun die Welt tun, um bei den Emissionen zu einem Kurs zu finden, der gefährliche Klimaänderungen vermeidet? Dieser Frage nähern wir uns mit Hilfe von Klimamodellsimulationen, die ein Kohlenstoffbudget für das 21. Jahrhundert festlegen.

Wenn alles andere unverändert bliebe, würde das globale Kohlenstoffbudget für Emissionen des Energiesektors sich auf rund 14,5 Gigatonnen CO2-Äq. im Jahr belaufen. Gegenwärtig betragen die Emissionen das Doppelte davon. Wenig erfreulich ist, dass bei den Emissionen ein Aufwärtstrend festzustellen ist. Fazit: Das Kohlenstoffbudget für das gesamte 21. Jahrhundert könnte bereits im Jahr 2032 aufgebraucht sein. Folglich häufen wir untragbare ökologische Schulden auf, die gefährliche Klimaänderungen für künftige Generationen unausweichlich machen.

Die Analyse von Kohlenstoffbudgets wirft ein neues Licht auf die Bedenken bezüglich des Anteils der Entwicklungsländer an den globalen Treibhausgasemissionen. Dieser Anteil wird sicherlich noch steigen, doch darf dies nicht davon ablenken, dass die eigentliche Verantwortung nach wie vor bei den reichen Ländern liegt. Hätten alle Bewohner von Entwicklungsländern denselben CO2-Fußabdruck wie der Durchschnittsbürger in Deutschland oder Großbritannien, lägen die globalen Emissionen schon jetzt beim Vierfachen des Grenzwertes, der durch unseren nachhaltigen Emissionspfad vorgegeben ist, und sogar beim Neunfachen, wenn die Pro-Kopf-Emissionen der Entwicklungsländer so hoch wären wie in den Vereinigten Staaten oder Kanada.

Um an diesem Bild etwas zu ändern, sind tiefgreifende Korrekturen erforderlich. [...]

Anhand plausibler Annahmen schätzen wir, dass zur Verhinderung gefährlicher Klimaänderungen die reichen Länder ihre Emissionen um mindestens 80 Prozent reduzieren müssen, wobei eine Senkung von 30 Prozent bis 2020 erfolgt sein muss. Bei den Emissionen der Entwicklungsländer ist zu erwarten, dass sie um 2020 herum ihren Höchststand erreichen und dann bis 2050 um 20 Prozent gesenkt werden.

Unsere Zielvorgabe für die Stabilisierung ist zwar strikt, aber bezahlbar. Zwischen heute und 2030 würden die durchschnittlichen Kosten pro Jahr 1,6 Prozent des BIPs betragen. Dies ist sicherlich eine nicht unbeträchtliche Investition, doch macht sie weniger als zwei Drittel der weltweiten Militärausgaben aus. Untätigkeit würde noch weit höhere Kosten verursachen. Laut Stern-Bericht könnten sie sich auf fünf bis 20 Prozent des Welt-BIP belaufen, je nach dem, wie man sie berechnet.

[...] Im Zeitraum 2000 bis 2004 waren jedes Jahr rund 262 Millionen Menschen von Klimakatastrophen betroffen; davon lebten 98 Prozent in den Entwicklungsländern.

[...] In zwei der am stärksten dürregefährdeten Länder der Welt, Äthiopien und Kenia, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder im Alter bis fünf Jahren an Unterernährung leiden, 36 beziehungsweise 50 Prozent höher, wenn sie während einer Dürreperiode geboren wurden. Daher stieg 2005 die Zahl der unterernährten Kinder in Äthiopien um etwa zwei Millionen. In Niger leiden in einem Dürrejahr geborene Kinder im Alter bis zwei Jahren um 72 Prozent häufiger an Wachstumsstörungen. Indische Frauen, die während einer Überschwemmung in den 1970er Jahren geboren wurden, haben um 19 Prozent seltener die Grundschule besucht als ihre Altersgenossinnen.

Der Schaden, der für die menschliche Entwicklung auf lange Sicht durch Klimaschocks entsteht, wird nicht ausreichend wahrgenommen. Die Berichterstattung der Medien über klimabedingte Katastrophen spielt oft eine wichtige Rolle für die Meinungsbildung und rückt das mit Klimaschocks einhergehende menschliche Leiden ins Bewusstsein. Sie führt jedoch auch dazu, dass diese als isolierte Ereignisse mit vorübergehender Wirkung wahrgenommen werden, und lenken damit von den Langzeitfolgen ab, die Dürren und Umschwemmungen für die Betroffenen haben.

[...] Es sind fünf zentrale Faktoren zu erkennen, wie durch den Klimawandel die menschliche Entwicklung zunächst stagnieren und dann zurückgehen könnte:

Agrarproduktion und Ernährungssicherung. Der Klimawandel wird sich auf die Niederschlagsmenge, die Temperaturen und die Verfügbarkeit von Wasser für die Landwirtschaft in den gefährdeten Gebieten auswirken. So könnten zum Beispiel die von Dürre betroffenen Gebiete in Afrika südlich der Sahara um 60-90 Millionen Hektar zunehmen und den trockenen Landstrichen dadurch bis zum Jahr 2060 Verluste von 26 Milliarden US-Dollar entstehen (in Preisen von 2003), mehr als die Gesamtsumme der bilateralen Hilfe, die an die Region im Jahr 2005 geleistet wurde. In anderen Entwicklungsregionen – unter anderem in Lateinamerika und Südasien – wird die landwirtschaftliche Produktion ebenfalls zurückgehen, was den Bemühungen zur Verringerung der ländlichen Armut entgegenläuft. Und die Zahl der Menschen, die an Unterernährung leiden, könnte bis zum Jahr 2080 um 600 Millionen ansteigen.

Wasserknappheit und ungesicherte Wasserversorgung. Veränderte Abflusswege und das Abschmelzen der Gletscher werden zu weiteren Umweltbelastungen führen und dabei Wasserströme beeinträchtigen, die zur Bewässerung und die Versorgung von Siedlungen benötigt werden. Bis zum Jahr 2080 könnte die Zahl der Menschen, die in einem wasserarmen Umfeld leben, um 1,8 Milliarden steigen. Zentralasien, Nordchina und der nördliche Teil Südasiens sind großen Gefahren durch den Rückzug der Gletscher ausgesetzt, der sich im Himalaja mit einer Geschwindigkeit von jährlich 10 bis 15 Metern vollzieht. In sieben der großen Flusssysteme Asiens wird es kurzfristig zu einer Zunahme und anschließend durch das Abschmelzen des Gletschereises zu einem Rückgang der geführten Wassermenge kommen. Auch in der Andenregion ist die Wasserversorgung durch den Zusammenbruch der Tropengletscher akut gefährdet. In Regionen, in denen ohnehin schon erhebliche Wasserknappheit herrscht, wie im Nahen Osten, könnte die Verfügbarkeit von Wasser in einigen Ländern sich drastisch verschlechtern.

Ansteigen des Meeresspiegels und Anfälligkeit gegenüber Klimakatastrophen. Bei einem beschleunigten Zerfall der Eisschilde könnte der Meeresspiegel rasch ansteigen. Ein weltweiter Temperaturanstieg um drei bis vier Grad Celsius könnte bedeuten, dass 330 Millionen Menschen aufgrund von Überschwemmungen ihre Heimat vorübergehend oder auf Dauer verlassen müssen. Über 70 Millionen Menschen in Bangladesch, sechs Millionen in Unterägypten und 22 Millionen in Vietnam könnten davon betroffen sein. In den kleinen Inselstaaten im Pazifik und in der Karibik könnte es zu Schäden katastrophalen Ausmaßes kommen. Aufgrund der Erwärmung der Meere werden außerdem immer heftigere Tropenstürme entstehen. Da gegenwärtig über 344 Millionen Menschen in den Einzugsgebieten von tropischen Wirbelstürmen leben, hätte dies verheerende Konsequenzen für eine große Gruppe von Ländern. Eine Milliarde Menschen, die derzeit in den Elendsvierteln der Städte an erdrutschgefährdeten Hängen oder hochwassergefährdeten Flussufern leben, sind somit akut bedroht.

Ökosysteme und Biodiversität. Der Klimawandel verändert bereits jetzt die Ökosysteme von Grund auf. Etwa die Hälfte der Korallenriffsysteme der Welt ist vom Phänomen des „Ausbleichens“ betroffen, das auf die Erwärmung der Meere zurückzuführen ist. Auch der steigende Säuregehalt der Weltmeere stellt auf lange Sicht eine Gefahr für die Meeresökosysteme dar. Ebenso hatte der Klimawandel bereits fatale Auswirkungen für die Eisökosysteme, insbesondere in der Arktis. Manche Tier- und Pflanzenarten werden in der Lage sein, sich anzupassen, doch viele Arten können mit dem Tempo des Klimawandels nicht mithalten. Bei einer Erwärmung um drei Grad wären womöglich 20 bis 30 Prozent der landlebenden Arten vom Aussterben bedroht.

Menschliche Gesundheit. In den reichen Ländern werden bereits Vorbereitungen getroffen, um das öffentliche Gesundheitswesen auf künftige Klimaschocks vorzubereiten: Beispielsweise auf Hitzewellen wie die, die Europa im Jahr 2003 heimsuchte, und extremere Witterungsverhältnisse im Sommer wie im Winter. Die schwersten gesundheitlichen Folgen werden jedoch die Entwicklungsländer zu spüren bekommen, zum einen wegen der dort herrschenden Armut und zum anderen wegen der begrenzten Möglichkeiten der dortigen Gesundheitssysteme. Viele todbringende Krankheiten könnten sich sehr viel weiter verbreiten als bisher. So könnte beispielsweise die Zahl der Menschen, die damit rechnen müssen, an Malaria zu erkranken, um 220 bis 400 Millionen ansteigen – schon heute fordert diese Krankheit jedes Jahr rund eine Million Menschenleben. Beim Dengue-Fieber ist bereits nachgewiesen, dass es erheblich häufiger auftritt als früher, speziell in Lateinamerika und Teilen Ostasiens. Durch den Klimawandel könnte sich das Ausbreitungsgebiet auch dieser gefährlichen Krankheit weiter ausdehnen.

Keiner dieser fünf Einzelfaktoren wird isoliert von den anderen wirken. Sie werden jeweils mit den breiteren sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Abläufen zusammenwirken, von denen die Chancen menschlicher Entwicklung abhängen. Die genaue Zusammensetzung der Übertragungsmechanismen vom Klimawandel zur menschlichen Entwicklung wird zwangsläufig von Land zu Land und auch innerhalb der einzelnen Länder variieren. Es verbleiben noch große ungewisse Bereiche. Gesichert ist jedoch, dass gefährliche Klimaänderungen in der Lage sind, der menschlichen Entwicklung quer durch eine große Gruppe von Ländern starke Schläge zu versetzen. Im Gegensatz zu wirtschaftlichen Schocks, die sich auf das Wachstum oder die Inflation auswirken, werden sich viele der Folgen für die menschliche Entwicklung – so zum Beispiel geringere Gesundheits- und Bildungschancen, ein vermindertes Produktivpotenzial und der Verlust lebenswichtiger Ökosysteme – wahrscheinlich als irreversibel erweisen.
 
[...] Durch den Klimawandel steht die Menschheit vor weitreichenden Entscheidungen. Eine Negativwende bei der menschlichen Entwicklung im 21. Jahrhundert und die Gefahr von Katastrophen für künftige Generationen lassen sich zwar noch abwenden, aber nur, wenn wir uns bewusst werden, wie sehr die Zeit drängt, und entsprechend rasch handeln. Dieses Bewusstsein der Dringlichkeit ist derzeit noch nicht vorhanden.

[...] Eine der bittersten Lektionen, die uns der Klimawandel erteilt, ist, dass das hinter dem Wachstum stehende Wirtschaftsmodell und der damit verbundene ungezügelte Konsum in den reichen Ländern ökologisch nicht tragbar sind. Für unsere Einstellung gegenüber dem Fortschritt könnte es keine größere Herausforderung geben, als unsere Wirtschaftsaktivitäten und unseren Konsum wieder in Einklang mit den ökologischen Tatsachen zu bringen.

Der Kampf gegen den Klimawandel verlangt, dass wir Umweltschutzerfordernisse in den Mittelpunkt der Volkswirtschaft stellen. Dieser Prozess muss in den Industrieländern beginnen – und zwar schon heute.

[...] Die Bekämpfung des Klimawandels ist eine Aufgabe, die sich quer über alle Generationen hinweg stellt. Die heutige Generation steht vor der Herausforderung, die sich jetzt bietende Chance zu wahren, indem sie den Trend zunehmender Treibhausgasemissionen umkehrt. Der Welt bietet sich die historische Chance, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen.

Quellen:
Zusammenfassung: Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 (PDF-Datei • 1,24 MB)
http://hdr.undp.org/en/reports/global/hdr2007-2008/ (Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch und Vietnamesisch)