
30. Dezember 2009
Wachsende Nachfrage nach Sojabohnen gefährdet den Amazonas Regenwald
Lester R. Brown
Vor etwa 3.000 Jahren domestizierten ostchinesische Bauern die Sojabohne. Im Jahr 1765 wurden zum ersten Mal Sojabohnen in Nordamerika angebaut. Heute beansprucht die Sojabohne mehr Anbaufläche als der Weizen. Und in Brasilien, wo sie sich sogar noch schneller verbreitete, dringt die Sojabohne in den Amazonas-Regenwald vor.
Fast zweihundert Jahre nachdem sie in die Vereinigten Staaten eingeführt worden war führte die Sojabohne ein Nischendasein als Rarität.
Dann als Europa und Japan in den 50er Jahren sich vom Krieg erholten und das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten in Schwung kam, stieg die Nachfrage nach Fleisch, Milch und Eiern.
Aber weil nur wenig Weideland für die wachsenden Rinder- und Milchkuhbestände vorhanden war, verlegten sich die Landwirte auf die Getreideproduktion, nicht nur, um mehr Rindfleisch und Milch zu produzieren, sondern auch mehr Schweine- und Hühnerfleisch und Eier.
Der weltweite Fleischverzehr war im Jahr 1950 bereits auf 44 Millionen Tonnen angestiegen und führte zu 280 Millionen Tonnen im Jahr 2009 – eine Versechsfachung.
Der Anstieg hing teilweise mit der Entdeckung der Experten für Tierernährung zusammen, dass die Kombination von einem Teil Sojamehl mit vier Teilen Getreide die Effektivität steigerte, mit der Rinder und Geflügel, das Getreide in tierisches Protein umwandelten.
Das erzeugte ab Mitte des 20. Jahrhunderts einen schnell wachsenden Markt für Sojabohnen. Auf diese Weise erlangte die Sojabohne landwirtschaftliche Bedeutung und es ermöglichte ihr, sich Weizen, Reis und Mais – als den führenden Ackerfrüchten der Welt – hinzuzugesellen.
Die US-Produktion der Sojabohnen explodierte nach dem 2. Weltkrieg. Im Jahr 1960 war sie schon fast dreimal so hoch wie die Chinas. Im Jahr 1970 produzierten die Vereinigten Staaten Dreiviertel der Sojabohnen der Welt und waren für fast alle Exporte verantwortlich. Und im Jahr 1995 übertraf die Anbaufläche für Sojabohnen bereits die von Weizen.

Als die Weltmarktpreise für Getreide und Sojabohnen Mitte der 1970er Jahre anstiegen, belegten die USA die Sojabohnen mit einer Ausfuhrsperre, um die heimische Inflation bei den Nahrungspreisen zu drosseln.
Japan, das damals der Haupt-Sojaimporteur der Welt war, schaute sich bald nach einem anderen Lieferanten um. Und Brasilien suchte nach neuen Feldfrüchten für den Export. Der Rest ist Geschichte. Im Jahr 2009 war die Anbaufläche für Sojabohnen in Brasilien größer als die aller anderen Getreidearten zusammengenommen.
Ungefähr zur selben Zeit fasste die Sojabohne Fuß in Argentinien, wo sie die spektakulärste Machtübernahme überhaupt inszenierte. Heute werden Sojabohnen in Argentinien auf einer doppelt so großen Anbaufläche produziert wie Getreide.
Selten dominiert eine einzige Feldfrucht die Landwirtschaft eines Landes so wie die Sojabohne die argentinische Landwirtschaft. Zusammen produzieren die Vereinigten Staaten, Brasilien und Argentinien leicht 4/5 der Weltsojabohnenernte und stehen für 90 % der Exporte.

In den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts war Japan der führende Sojabohnen-Importeur mit fast 5 Millionen Tonnen pro Jahr. Bis etwa 1995 versorgte sich China im Wesentlichen selbst mit Sojabohnen und produzierte und verzehrte grob 13 Millionen Tonnen Sojabohnen pro Jahr. Dann brachen alle Dämme, als steigende Einkommen es vielen der 1,3 Milliarden Einwohner Chinas ermöglichten, in der Nahrungskette nach oben zu steigen und mehr Fleisch, Milch, Eier und Zuchtfische zu konsumieren. Im Jahr 2009 konsumierte China 55 Millionen Tonnen Sojabohnen, von denen 41 Millionen importiert wurden, was 75 % seines nach oben schnellenden Konsums ausmacht.

Heute geht die Hälfte aller Sojabohnen-Exporte nach China, das Land, das der Welt die Sojabohne schenkte. Sojamehl vermischt mit Getreide als Tierfutter ermöglichte es, dass die chinesische Fleischproduktion auf das Doppelte der Vereinigten Staaten angewachsen ist.
Seit 1950 ist die Weltsojaernte von 17 Millionen auf 250 Millionen Tonnen angestiegen, eine Zunahme um das 14fache. (Siehe Daten) Das steht in Kontrast zur Weltgetreideernte, die sich weniger als vervierfacht hat. Sojabohnen stehen in den USA an zweiter Stelle nach Mais und dominieren die Landwirtschaft Brasiliens und Argentiniens total.
Wofür wird die Ernte von 250 Millionen Sojabohnen gebraucht? 1/10 ungefähr wird direkt als Nahrung konsumiert – Tofu, Fleischersatz, Sojasoße und andere Produkte. Fast 1/5 wird zu Öl verarbeitet, was es zum führenden Speiseöl macht. Der Rest, grob 70 % der Ernte, endet als Sojamehl und wird von Nutztieren und Geflügel verzehrt.
Obwohl also die Sojabohne überall ist, ist sie eigentlich unsichtbar; eingebettet in Rinder- und Geflügelprodukten. Der größte Teil der Welternte endet in Kühlschränken in solchen Produkten wie Milch, Eiern, Käse, Hühnerfleisch, Schinken, Rindfleisch und Eiskrem.
Die weltweite Nachfrage nach Sojabohnen zu befriedigen, die jährlich fast um 6 Millionen Tonnen wächst, ist eine Herausforderung.
Die Sojabohne ist eine Hülsenfrucht, die Stickstoff aus der Atmosphäre aufnimmt und in den Boden abgibt. Das bedeutet sie reagiert nicht so gut auf Düngemittel wie z. B. Mais, der einen unersättlichen Appetit auf Stickstoff hat. Aber weil die Sojapflanze einen substanziellen Anteil ihres Stoffwechsels zur Bindung des Stickstoffes aufwendet, hat sie weniger Energie für die Samenbildung. Das macht steigende Erträge schwieriger.
Im Gegensatz zu den eindrucksvollen Zunahmen bei den Maiserträgen haben die Wissenschaftler vergleichsweise wenig Erfolg mit der Steigerung der Sojaerträge. Seit 1950 haben sich die Ernteerträge von Mais in den USA vervierfacht, während sich die der Sojabohnen lediglich verdoppelt haben.
Obwohl die US-Anbauflächen seit 1950 im Wesentlichen unverändert geblieben sind, hat sich die Sojaanbaufläche verfünffacht. (Siehe Daten) Die Landwirte erhalten im Großen und Ganzen mehr Sojabohnen, indem sie mehr Sojabohnen anbauen.
Hierin liegt das Dilemma: Wie kann man die ständig steigende Nachfrage nach Sojabohnen befriedigen, ohne so viel Amazonas-Regenwald zu roden, der austrocknet und anfällig wird für Feuersbrünste?
Der Amazonas-Regenwald wird gerodet durch Sojabohnenpflanzer und Rinderzüchter, die die nationalen Rinderherden Brasilien vergrößern. Oft kaufen die Sojabohnenpflanzer das Land von Rinderzüchtern, die es gerodet und ein paar Jahre als Weidefläche benutzt haben, und drängen sie so immer tiefer in den Amazonas Regenwald hinein.
Der Amazonas-Regenwald erhält eine der artenreichsten Ansiedlungen von Pflanzen und Tieren der Welt. Er recycelt auch die Regenfälle aus den Küstenregionen ins Innere des Kontinents, und sichert so einen angemessenen Wasservorrat für die Landwirtschaft Brasiliens. Und er ist ein gewaltiger Kohlenstoffspeicher. Jede dieser drei Leistungen ist offensichtlich von großer Bedeutung. Aber es ist die Freisetzung von Kohlenstoff durch die fortschreitende Entwaldung, die die ganze Welt am direktesten beeinflusst.
Die fortgesetzte Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes wird enorme Mengen CO2 in die Atmosphäre entlassen und dazu beitragen, den Klimawandel anzuheizen.
Brasilien hat – als Teil seines Beitrags zur Verringerung der Kohlenstoffemissionen – eine Reduzierung seiner Waldrodungen um 80 % bis zum Jahr 2020 erörtert. Leider könnte bei steigendem Sojabohnenkonsum der wirtschaftliche Druck, immer mehr Land zu roden, dies schwierig werden lassen.
Obwohl die Rodungen in Brasilien stattfinden, ist es die weltweite Nachfrage nach Fleisch, Milch und Eiern, die sie anheizt.
Um es einfach auszudrücken: Die Rettung des Amazonasregenwaldes hängt einfach davon ab, dass wir die steigende Nachfrage nach Sojabohnen drosseln, indem wir die weltweite Bevölkerung so bald wie möglich stabilisieren.
Und für die reichen Gesellschaften der Welt bedeutet es, dass sie auf der Nahrungskette nach unten steigen, weniger Fleisch essen und so das Wachstum bei der Nachfrage nach Sojabohnen verringern.
Sowohl hinsichtlich der Nahrung als auch hinsichtlich der Energie bedeutet die Erreichung eines akzeptablen Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage jetzt, dass wir die steigende Nachfrage drosseln, statt einfach das Angebot zu erhöhen.
Lester R. Brown ist Präsident des Earth Policy Institute und Autor von „Plan B 4.0: Mobilizing to Save Civilization [Plan B 4.0: Mobilisierung zur Rettung der Zivilisation].“
Copyright © 2009 Earth Policy Institute
Quelle:
earthpolicy.org: Plan B Updates
http://www.earthpolicy.org/index.php?/plan_b_updates/2009/update86 (30. Dezember 2009)
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