
25. Juni 2009 von Kirk Smith
Nummer 2714 der Zeitschrift New Scientist
Als 1994 die Klima-Rahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) in Kraft trat, schienen die Auswirkungen des Klimawandels in weiter Ferne. Jetzt nicht mehr. In Anbetracht der täglichen Berichte über Veränderungen von Gletschern, Eisschichten, Ozeanen und Ökosystemen scheint uns der Klimawandel eingeholt zu haben.
Folglich verändert sich auch die Debatte darüber, was zu tun ist. Geo-Engineering-Projekte, die früher fastf für Science Fiction gehalten wurden, werden heute ernsthaft diskutiert. Das Hauptaugenmerk richtet sich jedoch auf die Reduzierung der Kohlenstoffemissionen.
Es steht außer Frage, dass ein Aufhalten des Klimawandels auf Dauer nur durch eine wesentliche Reduzierung des Kohledioxidausstoßes möglich ist. Es gibt jedoch signifikante Möglichkeiten, im Lauf der nächsten Jahrzehnte durch eine Reduzierung anderer Treibhausgas-Emissionen, die Erderwärmung zu verlangsamen.
Nur etwa die Hälfte der bereits eingetretenen Erderwärmung ist auf das Kohlendioxyd zurückzuführen. Der Rest wird von anderen Treibhausgasen verursacht, vor allem von Methan (Proceedings of the National Academy of Sciences, Band 97, Seite 9875). Auch wird weniger als die Hälfte der gesamten Erderwärmung, die im Lauf der nächsten 20 Jahre erwartet wird, von CO2 verursacht werden. Methan wird zusammen mit anderen Gasen wie Kohlenmonoxyd, flüchtigen organischen Bestandteilen (VOCs) und Rußpartikeln die meisten Veränderungen hervorrufen.
Neuere Modellversuche haben gezeigt, dass man die Erderwärmung im Laufe dieses Jahrhunderts am besten beeinflussen kann, indem man die Emission dieser Gase sofort reduziert und sie auf niedrigem Niveau stabilisiert. (International Journal of Climate Change Strategies and Management, Band 1, Seite 42)
Methan ist ein viel stärkeres Treibhausgas als CO2. Eine Tonne Methan bewirkt in den ersten fünf Jahren seiner Lebensdauer in der Atmosphäre eine fast hundertfach stärkere Erderwärmung als CO2. Methan wird mit einer Halbwertszeit von 8,5 Jahren in der Atmosphäre sehr viel schneller abgebaut als CO2, das viele Jahrzehnte braucht. Aber eine Tonne Methan wird im Endeffekt in der Atmosphäre in 2,75 zusätzliche Tonnen CO2 umgewandelt. Auch wenn man diese Tatsache nicht berücksichtigt, erzeugt eine heute ausgestoßene Tonne Methan jährlich eine stärkere Erwärmung als eine heute ausgestoßene Tonne CO2 bis zum Jahre 2075. Erst im Jahr 7300 wird die von beiden kumulativ erzeugte Erwärmung gleich sein. Es handelt sich tatsächlich um Kohlenstoff, der gedoped ist.
In den ersten fünf Jahren erzeugt Methan eine fast 100x stärkere Erderwärmung als dieselbe Menge CO2.
Zur Verminderung der Emissionen ist es daher gut, das Methan ins Visier zu nehmen. In der Tat bedeutet die kürzere Lebenszeit von Methan, dass die atmosphärischen Schichten sehr viel besser auf die Verminderung der Emissionen reagieren.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Von allen Treibhausgasen ist CO2 eines der am wenigsten schädlichen. Im Gegensatz dazu ist Methan eine Vorstufe von Ozon in Bodennähe, das ein giftiger Luftverschmutzer ist. Kohlenmonoxid, flüchtige organische Verbindungen (VOCs) und Rußpartikel sind ebenfalls unmittelbar schädlich für die menschliche Gesundheit.
Die Belastung für die Gesundheit durch diese luftverschmutzenden Faktoren ist weitaus größer als jedes andere Umweltrisiko und sogar größer als das einiger schlimmer Krankheiten, einschließlich Malaria und Tuberkulose. Die Vermeidung von Methanemissionen und anderer gesundheitsschädlicher Treibhausgase würde daher viele Leben retten.
Würde man das Methangas ernster nehmen, könnte das auch die Grundlagen für die Verhandlungen über den Klimawandel verändern, möglicherweise zum Besseren. Die Einbeziehung von Methan in die Diskussion würde einen Teil der Verantwortung auf die Entwicklungsländer verlagern. Es scheint vielleicht unfair, Entwicklungsländer im höheren Maße als bisher für die Erderwärmung verantwortlich zu machen. Andererseits würde sich jedoch für sie eine Reihe von neuen Möglichkeiten ergeben, sich an der Bewältigung des Problems der Erderwärmung zu beteiligen. Sie könnten also von Projekten profitieren, die Fortschritte bei der Reduzierung von Emissionen honorieren.
Warum sind dann Methan und die anderen kohlendioxydfreien Treibhausgase in den Diskussionen über die Erderwärmung nicht präsenter? Ein Grund dafür ist, dass die offizielle Gewichtung bei der Einschätzung der relativen Auswirkungen von Treibhausgasen nicht mehr zeitgemäß und zu sehr auf die langfristige Erwärmung zugeschnitten ist.
Nach dieser Gewichtung entspricht eine Tonne Methan 21 Tonnen CO2 innerhalb eines Zeitraumes von 100 Jahren. Das ist überholt – gegenwärtig schätzt man das Verhältnis auf 1 zu 25 oder mehr.
Was noch wichtiger ist: Im Hinblick auf die Dringlichkeit, der wir uns heute gegenübersehen, ist die Zeitskala völlig falsch. Dabei werden Maßnahmen zur Reduzierung der Erderwärmung für das Jahr 2109 genauso gewichtet wie für das nächste Jahr. Das ist eine ziemlich seltsame Betrachtungsweise: Sicherlich sollte die Reduzierung im nächsten Jahr Vorrang haben.
Eine Reduzierung des Methanpegels in der Atmosphäre wäre wohl weniger schmerzlich als die von CO2. Die entsprechende Technologie haben wir bereits, und Reduktionen wären in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht leichter durchführbar. Es ist auch leichter, bei internationalen Verhandlungen über Methan zu sprechen, als über Ruß, dem zweitwichtigsten nicht CO2-haltigen Treibhausgas-Schadstoff, denn seine Auswirkungen sind leichter verständlich.
Weltweit werden die Methan-Emissionen grob unterteilt in den Energiesektor (Emissionen von Kohlebergwerken und Lecks bei Öl – und Gasquellen), die Abfallwirtschaft (Mülldeponien, Abwässer und Gülle), und die Landwirtschaft (hauptsächlich Reisfelder und Emissionen im Zusammenhang mit der Viehhaltung).
Eine Reduzierung der Viehhaltung und der Reisproduktion würde eine Veränderung des Konsumverhaltens erfordern, doch das ist nicht der Fall beim Abfallproblem und bei Lecks in fossilen Brennstoffsystemen. Ihre Beseitigung würde nicht direkt den Lebensstil beeinflussen und kann direkt geregelt werden. Umstrittene Kohlesteuern oder cap-and-trade Systeme sind nicht nötig.
Bei allen Bemühungen, CO2-Emissionen zu beschränken, brauchen wir dringend Maßnahmen zur Verhinderung einer Überhitzung der Erde. Alles Menschenmögliche für die Reduzierung von Methan-Emissionen zu tun, ist sinnvoller als uns auf riskante Projekte einzulassen.
Die Frucht hängt tief, ist reif und schwer, weil sie sofort einen Nutzen bringt. Sie pflücken zu helfen bedeutet auch, dass ich meinen Enkeln sagen kann, dass ich – jawohl! – tatsächlich etwas getan habe, um den Planeten unmittelbar zu schützen.
Kirk Smith ist Professor für Global Environmental Health an der University of California, Berkeley
Quelle:
New Scientist magazine issue 2714: Methane controls before risky geoengineering, please
http://www.newscientist.com/article/mg20227146.000-methane-controls-before-risky-...26.06.2009 (25. Juni 2009)
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